Die Tabubruch-Gesellschaft

Die Tabubruch-Gesellschaft

von Caroline Fetscher
13. Juni 2012

Alle Naslang tauchen sie auf. Alle paar Wochen oder Monate sind neue Akteure zur Stelle, die in der von Events und Entertainment geprägten Gesellschaft Tabus zu brechen angeben, in einer Steigerungsform gern "letzte Tabus" genannt. Oft berühren sie die nach wie vor klassischen Bereiche des Tabuisierten: Sexualität, Tod und Religion.

Werden Tabubrüche oder Tabuansprüche entdeckt, entstehen üblicherweise auf- und absteigende Kurven der Empörung wie Faszination, es wird gefragt: Darf ein Fußballspieler, darf ein Soldat der Bundeswehr offen homosexuell sein? Geht eine Autorin zu weit, in der Art, wie sie Körpersäfte und intime Feuchtgebiete schildert? Müssen Jugendliche in der Schule über Transsexualität aufgeklärt werden? Sollen sie Killerspiele und Pornos konsumieren dürfen? Darf ein Mann offen über Potenzprobleme sprechen? Ist es zulässig, das demente Altern zu literarisieren? Kann es legitim sein, verstorbene Menschen zu plastinieren? Dürfen religiös besetzte Symbole karikiert werden? Gehört ein Mohammed-Kopf aus Pappmachee auf eine Opernbühne? Ist es in Ordnung, wenn Frauen barbusig im Park liegen, obwohl das fromme Leute stört?

Als politische "Tabus" gelten ethische Gebote und Verbote, wie sie sich insbesondere in Deutschland auf den öffentlichen, verbalen und symbolischen Umgang mit dem Zivilisationsbruch des Holocaust beziehen. Wer etwa erklärt, seine Gruppe oder Partei sei "so erfolgreich" wie die NSDAP, der wird sich binnen kürzester Zeit entschuldigen müssen. Wer die erstaunlich groteske These zusammenbastelt, wonach ein bundesdeutscher Schuldkomplex Ursache für deutsche Solidarität mit dem Projekt Europa sei, wie unlängst der habituelle "Tabubrecher" Thilo Sarrazin, der kann sichergehen, weitere Schwankungen der Empörung und Faszination anzuschieben.

Wessen Tabu gilt?

In jeder Gesellschaft und Gruppe, auch in postmodernen Industriegesellschaften, in denen individuelle Freiheit und öffentliche Meinungsfreiheit schier schrankenlos scheinen, behaupten Tabus, sich wandelnde tabuisierte Bereiche, ihre Wirkmacht. Da diese Gesellschaften enorm heterogen und polyvalent sind, stellt sich die Frage nach dem Zulässigen und Normativen auch als eine des Machtgefälles zwischen Gruppen: Wessen Tabu gilt? Und: Sind Tabus im Sinne der Aufklärung stets Anzeichen für irrationale Affekte, politische Denkverbote? Oder können Tabus auch sinnstiftend sein, soziale Wirkung besitzen und Integrität beschützen?

Als Sigmund Freud 1913, ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg, seine Studie "Totem und Tabu" veröffentlichte, die den programmatischen Untertitel "Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker" trug, war das von Ethnologen inspirierte Werk eine Provokation. Sollte der durchschnittliche, neurotische Zeitgenosse im zivilisierten Europa ähnlich primitiv organisiert sein wie ein Wilder im Pazifik oder im Dschungel der Tropen?

Universale Basis von Tabus

Als universelle Basis des Tabus - eines nicht rational begründeten, ungeschriebenen Verbots oder eines Kodex von Verboten - sah Freud die Ambivalenz von Gefühlsregungen an. Inzest und Mord etwa seien verpönt, da genau solche ödipalen oder aggressiven Wünsche unbewusst eine starke Rolle spielen, Wünsche, die es nicht geben darf, die als unzulässig und nicht normkonform gelten. Zuwiderhandlung gegen das Tabu würden Ruf, Selbstbild und soziale Existenz bedrohen. Das Adjektiv "verpönt", das heute unakzeptabel im nichtjuristischen Sinn meint, geht zurück auf das Lateinische "poena", die Strafe.

Den Begriff "tabu" wiederum, mit dem Freud sich auseinandersetzte, hatten Ethnologen während der Kolonialepoche in polynesischen Sprachen ausfindig gemacht, wo "tapu", bezogen auf Objekte oder Orte die Bedeutung von "heilig", "gefährlich" oder "unberührbar" besaß. Ähnliche Konzepte finden sich in allen Gesellschaftsformen, schon vor der Schrift. Anschaulich sind religiöse und säkulare Speisetabus: Ob ein Erdenbewohner das Fleisch von Pferd, Schwein, Affe, Rind oder Hund verzehren darf oder nicht, hängt davon ab, welcher Kodex in seiner Gruppe gilt und wie strikt er ausgelegt wird.

Werden Gebote und Verbote in Schriftform kodifiziert, bilden sie Normenkataloge, die "Tabus" den Charakter gesetzlicher Vorschriften verleihen. Mit Verbot und Strafe belegt werden können Ehebruch, Homoerotik, Onanie, Blasphemie, Ketzerei oder der Widerstand gegen feudale, klerikale, patriarchale Machtverhältnisse. Kennzeichnend für ein strenges "Tabu" ist die sozial existenzielle Bedrohung beim Übertreten, Missachten. In der Redeweise "Ich sterbe vor Scham" ist dieser Sinn offenbart: Der ein Tabu gebrochen hat, stirbt einen sozialen Tod. So lautet der Titel eines Buches, das der amerikanische Autor Robert R. Arthur 2007 zu modernen Tabus herausbrachte: "You will die. The Burden of Modern Taboos". Verbote und Gebote garantieren Kohäsion und Kontinuität für Gesellschaften und Gruppen, sie arbeiten mit Unterlassungsanweisungen und Bedrohungsszenarien, die über Inklusion und Exklusion - und damit über Machtfragen - entscheiden.

Normen sind beweglich

Wo in der Gegenwart öffentlich ein "Tabubruch" geortet wird, ist verwaschene Begrifflichkeit am Werk, die mit der ethnologischen oder Freudianischen wenig gemein hat. In einem semantischen Wok werden hier Kategorien verrührt, ganz gleich, ob es nun darum geht, dass Gruppengefühle oder Gesetze verletzt wurden oder dass mit Regeln, Konventionen, Traditionen gebrochen wurde. So fällt die politische Dimension realer - positiver wie negativer - Tabubrüche begrifflich in eins mit eher präpolitischen Affekten und Affronts, die unter das Rubrum Geschmacklosigkeit, Unethisches oder Taktlosigkeit fallen.

Normen und Tabus sind beweglich, sie verändern ohne Unterlass Gestalt, Gehalt und Gegenstand. In seiner umfangreichen Studie zum Prozess der Zivilisation von 1969 untersucht der Kultursoziologe Norbert Elias den Wandel von "Peinlichkeitsschwelle und Schamgrenze" seit dem Mittelalter, er benennt das Heraufsetzen der Schamgrenze als konstitutiv für diesen Prozess. War es im Mittelalter Usus, in einen Hemdzipfel zu schnäuzen oder auf den Boden der Gastwirtschaft zu spucken, wäre das heute "tabu", ein Affront.