Renaissance der Druckerschwärze

Renaissance der Druckerschwärze

von Peter Littger
11. Juni 2012

Früher war alles verdammt digital. Früher - das war noch vor drei Jahren. Seitdem ist das gedruckte Wort wieder da. Entschleunigung durch gelegentliches Erscheinen. Schaulust auf dem Coffeetable. Haptik durch Papier.

Es gibt diesen Wunsch nach einer gewissen Balance - weniger auf Monitore zu starren und zu klicken, sondern mehr zu blättern. Auf Papierseiten Ruhe und eine wohlig altmodische Art der Erkenntnis zu finden. Ist das Berühren, das Lesen und das Betrachten von Papier ein Grundbedürfnis - eines, das sich in 560 Jahren seit Gutenbergs Druckmaschine in unseren Genen verankert hat?

Es gibt einige starke Anzeichen dafür. Zum Beispiel gerade frisch verkündet in der Oranienburger Straße 84 in Berlin. Dort erscheint seit dem September 2009 das - noch - Onlinemagazin von Dr. Dr. Alexander Görlach: "The European". Lukasz Gadowski, Erfinder der Website "Spreadshirt" und Co-Finanzierer von Görlachs Redaktion, plauderte es schon vor ein paar Wochen im Berliner Club Cookies aus: "Wir werden den 'European' bald drucken." Es muss erwähnt werden, dass Chefredakteur und Herausgeber Görlach damit erst einmal unfreiwillig in die Fußstapfen des unseligen Robert Maxwell tritt, der 1990 schon einmal eine Zeitung "The European" herausgegeben hatte und ein Jahr später verstarb, nachdem er von seiner Yacht gefallen war. Maxwells "European Number One" wurde später von den Barclay-Brüdern gekauft und vollkommen defizitär im Jahr 1998 geschlossen.

Allerdings brauchen sich Gadowski und vor allem Görlach von dieser Vorgeschichte kaum irritieren zu lassen, denn erstens besitzen sie keine Yachten, zweitens publizieren sie ihren "European Number Two" in vollkommen anderen Zeiten, in denen europäische Themen Hochkonjunktur haben, drittens gehen sie kein Risiko ein mit (vorerst) nur vier Ausgaben pro Jahr - und, Gott sei Dank, agieren sie ja nicht aus England heraus, sondern von Berlin aus.

Sie folgen damit einem Prinzip, das vor zwei Jahren schon auf der "Rue89" in Paris erfolgreich getestet worden ist - allerdings in einer etwas anderen politischen Ecke als der "European": Fünf Journalisten protestierten 2007 gegen die Übernahme ihrer Tageszeitung "Liberation" durch den Magnaten Edouard de Rothschild. Der verstand die Befreiung anders als sie: runter von Redaktionskosten und weg mit linker Ideologie. Sie gründeten eine eigene Redaktion mit der revolutionären Chiffre 89. Frankreich 1789. Europa 1989. Und das Internet, ebenfalls 1989, denn damals wurde das TCP/IP Protokoll populär. "Eine globale Revolution", betont Chefredakteur Pascal Riché.

Mitgenommen von "Liberation" hatten die fünf Journalisten eine Vorliebe für pointierte Texte und anschauliche Illustrationen. "Das passte gut ins Internet. Außerdem hatten wir kaum Geld", erinnert sich Riché. Also gründete man nur - pardon! - eine Website: "rue89.com".

Nachdem sie zwei Millionen so genannte page visitors angezogen hatte, etwa mit Skandalgeschichten rund um die Wahl von Präsident Nicolas Sarkozy, entschieden die Gründer im Jahr 2010, mit den Themen der Website eine Monatszeitschrift herauszugeben: "Rue89". Das Magazin hat sich etabliert. Es ist meinungsstark, farbig, eindringlich - eine veritable Konkurrenz für "Liberation", wenn auch noch eine kleine.

Viele Thesen sind in den letzten 20 Jahren über die Zukunft von gedruckten Medien aufgestellt worden. Die meisten waren pessimistisch. Bücher, Magazine, Kataloge, Zeitungen - allem wurde das Ende prophezeit. 2006 fragte der "Economist": "Who killed the newspaper?" Die Antwort war salomonisch: Das Internet sei der Mörder, aber es verdränge nur das Papier - nicht den Journalismus. Die Macht der vierten Gewalt werde im Netz neu aufblühen. Und das ist ja nicht ganz falsch, wenn man nur an all die Wikis denkt.

Die Massentitel verlieren ihre Masse

Der Medienforscher Philip Meyer, der selber einmal Reporter war, erklärte 2006 in seinem Buch "The Vanishing Newspaper", dass die Zeitungen langsam ausstürben wie die Marktschreier im Mittelalter. Vor allem der so genannte General Interest, die Berichterstattung über Gott und die Welt, das große Allerlei der Zeitungen, die über Kriege und Tagescremes schreiben - dies alles erscheine schon bald nicht mehr auf Papier, wenn überhaupt irgendwo. Wäre diese Entwicklung eine lineare, es gäbe in ziemlich genau 30 Jahren keine Zeitungen mehr.

Meyers Szenario gleicht einer tödlichen Spirale: Alles wandert ab in die digitalen Medien, erst die Themen, dann die Leser und dann die Werbung. Und tatsächlich verlieren die Massentitel ihre Masse. Das Schrumpfen der gedruckten Auflagen von "Bild" (minus zwei Millionen) oder "Stern" (minus eine Million) seit 1990 zeigt es alleine in Deutschland.

Trotzdem gibt es Beispiele für eine Rolle rückwärts: eine Renaissance von Print. Sie wird im Fachjargon "Reverse Publishing" genannt. In den letzten Jahren erschienen eine Reihe neuer Zeitschriften, die ihre Themen direkt aus dem Internet beziehen.

Offline gehen ohne etwas zu verpassen

"Hacker Monthly" ist so eine, originell gestaltet und inhaltlich besonders krass. Denn sie richtet sich an Programmierer, die sich auch in gedruckter Form ausführlich über Probleme wie die "diskrete Mathematik" informieren möchten - nachdem sie darüber bereits im Blog "Hacker News" lesen konnten. Der Internet-Unternehmer Lim Cheng Soon aus Malaysia, der sich als "Hacker News Junkie" bezeichnet, hatte dieses monatliche "Best of" 2010 mit der Begründung geschaffen, dass er "offline gehen können möchte ohne etwas zu verpassen". Mittlerweilen zahlen rund 4.500 Menschen zwischen 29 und 88 US-Dollar jährlich, um das PDF oder das gedruckte Heft zu bekommen. Die meisten wollen übrigens lieber das PDF und drucken es selber - oder vielleicht doch nicht...

Auch die großen Social-Media-Dienste Twitter, Facebook, Google und Linkedin finden sich seit 2011 in Magazinen wider: Der Verlag GSG World Media macht für jeden Giganten gleich ein eigenes Heft, Auflage: 250.000. Während sich Titel wie "Tweeting&Business" recht langweilig im FAQ-Stil an Geschäftsleute richten, gründete ein gewisser Bob Fine mit viel Liebe zum journalistischen Detail "The Social Media Monthly" - ein wirklich schönes Magazin, das viel Beachtung findet, aber das auch dringend Geld braucht. Gerade hat Fine (immerhin!) 22.928 Dollar eingesammelt, per Annonce auf dem Spendenforum "kickstarter.com". Das Beispiel zeigt, dass die Existenz von - man könnte sie "Cross-over-Medien" nennen - unsicher ist. Ein deutsches "Ebay Magazin" wurde 2009 vom Verlag Gruner+Jahr nach wenigen Ausgaben wieder eingestellt.

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