Die Kanalisation der Welt

Die Kanalisation der Welt

von Gert Scobel
25. Juni 2012

Das Londoner Science Museum unterhält einen sehr beliebten Museumsladen. Dort kann man ein für deutsche Fernsehschaffende unverzichtbares Souvenir erwerben: Das "Reflect Mouse Pad" mit einem Aufdruck des guten alten deutschen Fernsehtestbildes. Medienmacher wissen: Eine Maus ist mehr als irgendein Tier. Wie in der Genforschung ist sie Modell, ja Symbol für das was kommt. Sie hat, so die modernen Mediengenetiker, mit dem klassischen, "alten" Fernsehen nichts mehr zu schaffen. Im Gegenteil. Die Begründung steht auf der Mouse-Pad-Verpackung: "Der Computer und die Retro-TV-Grafik helfen, uns liebevoll zu erinnern an die Schönheit einer soon-to-be obsolete technology".

Das also ist die Antwort auf die Zukunftsfrage des Fernsehens: Fernsehen ist eine zum Gimmick verkommene "soon-to-be-obsolete technology" - ein Fall für das mediale Sterbezimmer. Pech nur, dass allen Untersuchungen zufolge, die ich kenne, der Patient sich sehr vital zeigt. Der Fernsehkonsum steigt tendenziell sogar. Und Fernsehen ist das beliebteste elektronische Neben­beimedium der Welt geblieben. Erneute Panik: Ja, aber schauen denn die Richtigen? Oder "nur die Alten"? Fernsehmacher scheinen bei dieser arroganten Definition der Zielgruppe zu vergessen, dass die heutige Generation älter werdender Menschen die vermutlich am besten gebildete Generation überhaupt ist.

Davon auszugehen, dass man diese immer größer werdende Gruppe automatisch "behält" nur weil man öffentlich-rechtlich sei, ist vermutlich ein folgenschwerer Irrtum. Entsprechend gibt es bei Pro7Sat.1 völlig nüchtern und marktkonsequent Überlegungen, einen Spartensender für Senioren zu gründen. Viele TV-Macher scheinen ernsthaft zu glauben, dass für das Fernsehen alles vorbei sei, wenn die Masse der Zuschauer eben nicht mehr 15 Jahre, sondern älter ist und wird.

Qualität wird entscheiden

Ich bin skeptisch, was derartige Sterbemeldungen und die notorisch fehlerhaften, langfristigen Zukunftsvoraus­sagen der eigenen Branche angeht. Die Antwort auf die Frage nach der Zukunft des Fernsehens liegt meiner Meinung nach jenseits der Hysterie, die ohnehin zyklisch alle Jahre wiederkehrt.

Und sie ist überraschend einfach. Sie lautet: Über die Zukunft des Fernsehens wird einzig und allein seine Qualität entscheiden. Seltsamerweise haben sich gerade im Umfeld dieser für die Zukunft entschei­denden Frage der Qualität die größten Irrtümer der Fernseh­branche (und der Medienpolitik) breit gemacht. Zum Beispiel die Idee, allein der Wettbewerb sichere die Qualität und die Zukunft des Fernsehens. Genau diese Wettbewerbsidee war das Argument der Medienpolitik, Ja zu "Tutti Frutti" zu sagen, Ja zur Boulevardisierung - weil sie ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Pluralisierung der Medien darstellte. Aber kommt das Heil automatisch aus der Steigerung der Vielfalt?

Immer mehr desgleichen

Mehr als 20 Jahre später dürfte allmählich klar geworden sein, dass dieser Prozess des Wettbewerbs keine Verbesserung im Sinne einer Steigerung von Qualität hervorgebracht, sondern lediglich Kanälen und der Sendeminuten vervielfältigt hat. Qualität bleibt dabei zunehmend auf der Strecke.

Diese Entwicklung hat eine einfache geradezu wissenschaftliche Erklärung. Darwin wies in seiner Evolutions­theorie darauf hin, dass es keine "angeborene Neigung zu einer Entwicklung in Richtung des Fortschritts gibt". Alles was es gibt ist eine Entwicklung in Richtung fortschreitender Ausbreitung in Nischen hinein. Entsprechend garantiert auch der Wettbewerb der Fernseh­programme keineswegs Fortschritt, Gewinn und Qualitäts­verbes­serung. Der Wettbewerb zwischen ähnlichen Lebewesen (etwa zwischen Redakteur/Innen in Fernsehanstalten) führt einzig und allein zu einer weiteren Spezialisierung der betreffenden Spezies innerhalb der jeweiligen (neu besiedelten oder neu erschlossenen) Nischen.

"Besser" ist in diesem Fall nicht das Produkt, sondern lediglich die gelungene Anpassung an eine noch kleinere Nische des Marktes. Der Neurobiologe Gerald Hüther bemerkt dazu in seinem Buch "Was wir sind und was wir sein könnten": "Konkurrenz führt immer nur dazu, dass das, was bereits entstanden ist, weiter spezialisiert wird". Aus diesem Grund führt derzeit der Wettbewerb im Fernsehen nur zu immer mehr Kochshows, Talkshows, Soaps, Spielshows, das heißt zu immer mehr desgleichen (und manchmal auch desselben) in einer weiter steigenden Zahl von Nischen, die ihrerseits immer kleinere Teile des Marktes abbilden. Der Markt für Bibel TV oder Angler-TV ist eben nicht so groß wie der für Fußball oder die Tagesschau.

Fazit: Die zunehmende Kanalisation ist nur die sichtbare Form einer Spezialisierung und Fragmentierung, nicht aber einer Zunahme von Qualität.

Fetisch der Quote

Tatsächlich hat die Orientierung aller Sender am Fetisch der Quote statt an einem zu definierenden Qualitätsstandard (zu dem notwendig ein Bildungsindex gehört) lediglich zu einer nachweisbaren Gleichförmigkeit des Angebotes geführt. Indem sich beispielsweise Unterhaltung auf immer mehr Kanälen verteilt, wird eine fortschreitende Verdünnung der Substanz erreicht - jedenfalls dann, wenn Unterhaltung lediglich als Talk in Erscheinung tritt - statt als (zuweilen durchaus unterhaltsame) Bemühung, zu argumentieren, Gegenargumente zu würdigen und im Gespräch Erkenntnisse zu gewinnen. Braucht man tatsächlich Quotenmessungen, um "wettbewerbsfähig" zu bleiben?