4. Juni 2012
-Prolog-
Die Protagonisten, ihre diversen Eurovionsrollen und was bisher geschah
Stefan Niggemeier, einer der profiliertesten Blogger und wohl der profilierteste Medienjournalist des Landes, präsentierte mit "bakublog.tv" zum dritten Mal in Folge zusammen mit seinem Kollegen Lukas Heinser ein auf zwei Wochen beschränktes Vor Ort-Video-Projekt zum ESC. Das von Niggemeier selbst als "vierteljournalistisch" eingestufte sowohl liebevolle als auch bitterböse Format, in dem es vor allem um Glanz und Elend des ESC-Personals ging, war eingebunden in das Angebot von "Spiegel Online".
Dort war Niggemeier auch als schreibender Autor mit einem deutlich höheren Journalismusfaktor zu lesen. Längere Texte, vor allem zur Menschenrechtssituation erschienen auch im gedruckten "Spiegel". Auf seinem Textblog stefan-niggemeier.de monierte er schon während der Vorentscheidungsshows "Unser Star für Baku" die seiner Meinung nach zu unkritische Haltung des für die deutsche Ausstrahlung zuständigen Senders NDR gegenüber den Missständen in Aserbaidschan. Später sezierte er das Interessensgeflecht rund um das aserbaidschanische Herrscherhaus, der ESC-Veranstalterin European Broadcast Union (EBU) sowie Presse- und PR Agenturen. Eine Woche vor dem Finale postete er ein Zitat von Jan Feddersen aus der "Hamburger Morgenpost", wonach dieser auf die Frage "Was sagen die Sänger zur politischen Lage?" geantwortet haben soll: "Für Polit-Sperenzchen haben die meisten Künstler gerade keinen Sinn", und löste damit ein Shitstörmchen gegen den Kollegen aus.
Jan Feddersen ist Redakteur der "taz", wo er unter anderem über Gesellschafts- und Geschichtspolitik schreibt, aber auch über Pop und Prominente. Als Publizist und Mitglied der homosexuellen Bürgerrechtsbewegung kämpfte er in vielen Debatten gegen Diskriminierung. Er gilt als "der" Eurovisionsexperte Deutschlands und hat drei Bücher zum Wettbewerb geschrieben, die als Standardwerke beschrieben werden. Seit Jahren ist er für den NDR zum ESC tätig, als Autor eines eigenen Blogs auf der offiziellen deutschen Grand-Prix-Seite "eurovision.de" und als Experte vor der Kamera. Auch in der "taz" schreibt er zum ESC. Feddersen verteidigte die Haltung der ARD in der Aserbaidschan-Berichterstattung und warnte vor einer einseitigen und verzerrenden Sichtweise auf das Land und die Rolle des Contests.
Auch er kritisierte die Menschenrechtssituation, setzte sie aber in Bezug zu der anderer Staaten und argumentierte, trotz allem sei das Land auf einem richtigen, jedenfalls nicht falschen, theokratischen oder "weissrussischen" Weg und der Wettbewerb könne diesen unterstützen. Feddersen stütze sich bei seiner Einschätzung auf seine Beobachtungen, die er in anderen Ländern zu Menschenrechtsfragen gemacht hatte, insbesondere Russland, wo er 2009 nicht nur den ESC begleitete, sondern auch eine Schwulen- und Lesbendemonstration, bei der es zu schweren Übergriffen kam. Er bestreitet nicht, dass das Wort "Polit-Sperenzchen" gegenüber der "Hamburger Morgenpost" gefallen ist, verweist aber gegenüber VOCER darauf, dass das Zitat verkürzt und aus dem Zusammenhang gerissen sei. Er habe im Gespräch mit der Zeitung nicht die politische Situation verharmlost, sondern die Instrumentalisierung berechtigter politischer Anliegen zum Zwecke reiner Empörungsdramatik kritisiert.
Auf der nächsten Seite beginnt der Essay. Lesen Sie darin, worüber Feddersen und Niggemeier streiten, warum die Debatte stellvertretend für ihr Selbstverständnis ist und den Eurovision Song Contest als Anti-Zynik-Zone.