Skizze für die Zeit nach ARD und ZDF

Skizze für die Zeit nach ARD und ZDF

von Lorenz Matzat
1. Juni 2012

Angenommen, die bisherigen Rundfunkstaatsverträge wären Makulatur. Und über die Zukunft der 25.000 Angestellten der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten müssten wir uns keine Sorgen machen. Auch nicht um die Produktionsgesellschaften und andere Dienstleister, die sich um diese Wirtstiere scharen. Wie könnte in solch einem zugegeben utopischen Szenario nach Abwicklung von ARD, ZDF und Deutschlandfunk eine neu geschaffene öffentlich-rechtliche Internet & Medien Anstalt IMA aussehen?

Programm & Technologie

Kanäle und Programme in der Form gibt es nicht mehr. Sendeplätze sind im Internet nahezu unendlich viele vorhanden. Als zentraler Knotenpunkt dient eine IMAthek im Netz. Auf die können unterschiedlichste Geräte zugreifen. Für die Personen, die gerne fixe Programmabläufe konsumieren, sich "berieseln" lassen wollen - ich gehe in dieser Skizze davon aus, dass dies eine Minderheit bzw. das Privatfernsehen weiter die Berieselung erledigt -, werden Playlists von Medieninhalten bereitgehalten. Die orientieren sich algorithmengestützt an klassischen Programmschemata oder gänzlich automatisch an den im eigenen Profil niedergelegten Vorlieben des Konsumenten - etwa lassen sich die ARD-classic-TV-Playlist oder die Achtziger-Neunziger-Audio-Playlist für NRW abonnieren.

Die IMA stützt sich also komplett auf das mächtigste aller Trägermedien: das world-wide-web; neben der IP-basierten Übertragungstechnologie eine weitere Infrastruktur für TV-Bilder bereitzustellen, ist ökonomisch unsinnig. Die so freigemachten finanziellen Mittel werden für den Ausbau der Internetinfrastruktur - vor allem in unterversorgen Gegenden - verwendet. Wer bisher noch keinen Internetanschluss hat, kann einen IMA-Zugang bekommen. Eine UKW-Radiogrundversorgung - automatisiert über Audio-Playlists - bleibt gewährleistet.

Weiterhin gibt es Live-Sendungen; alles, was nicht direkt übertragen wird, ist unmittelbar dann verfügbar, wenn es fertig produziert ist - und nicht wie heute erst Monate oder Jahre später, wenn es Programmplanern ins Schema passt. Zusätzlich sind neben den bereits verwendeten alle weiteren relevanten Text-, Daten-, Bild- und Audiomaterialien sinnvoll ausgezeichnet  über die IMAthek zugänglich: etwa Gesamtinterviews, zusätzliches Bildmaterial, Datenbanken, Dokumente (semantische Webstandards, Open Data).

Alles, was mit GEZ-Gelder produziert wird, steht unter freien Lizenzen (CC:by) und in gängigen Formaten unbefristet zum Download oder Streaming bereit. Denn öffentlich hat etwas mit "Open" zu tun. Das jeweilige Urheberecht bleibt durch entsprechende Nutzungsvereinbarungen gewahrt. Für Inhalte, die aus dem Ausland lizenziert werden oder im Falle von Sportübertragungsrechten, werden entsprechende Vereinbarungen ausgehandelt und greifen ggf. extra Regeln.

Die IMAthek ist werbefrei. Sie ist so organisiert, dass hier auch Informationsangebote von Einzelpersonen, zivilgesellschaftlichen Gruppen, Kirchen, Gewerkschaften und Parteien Platz finden. Auch ist das Angebot auf eine nahtlose Integration mit dem gesamten Internet ausgelegt; so können die Inhalte beispielsweise mit Informationen und Daten über Themen, Politiker, Schauspieler, Journalisten, etc. angereichert werden.

Nutzer können Beiträge in der IMAthek kommentieren und diskutieren sowie sich in Livesendungen einschalten. Nicht zuletzt dafür ist der Ausbau potenter Schnittstellen (API) wichtig. Neben eigenen Apps für diverse (mobile) Endgeräte können so auch Dritte reibungslos Anwendungen entwickeln, die Inhalte verwenden und mit anderen Services verknüpfen.

Entscheidungen

Jedes Familienmitglied/jeder Mitbewohner (ab einem bestimmten Alter) eines GEZ-Haushalts bekommt einen eigenen IMA-Account. Über den regeln sie ihre Abonnements: Autoren, Formaten, Schauspielern, Korrespondenten, Themen, Regionen und Diskussionen können ge-"followed" werden - integriert in bestehende soziale Netzwerke.

Ein reformiertes GEZ-Gebührenmodell bietet eine Opt-out-Option an, das heißt, jeder Haushalt kann sich dafür entscheiden, nur beschränkten Zugriff auf die Inhalts- und Informationsangebote der IMA zu haben und nicht an deren Mitbestimmungsprozessen teilhaben zu können.

Die monatlichen GEZ-Gebühren sinken deutlich, weil Parallelstrukturen abgebaut werden. Die Einnahmen und Ausgaben der IMA, Gehälter und Honorare sowie Verträge liegen für alle zugänglich so weitgehend offen wie es mit Datenschutzregelungen vereinbar ist - wenn möglich, als Open Data.

Über das eigene IMA-Konto kann an Mitbestimmungsprozessen teilgenommen werden. Grundlegende Entscheidungen der IMA kommen über ein Ratssystem zustande, das in Form eines Liquid-Democracy-Prozessen operiert (Stimmdelegation). Dieses Verfahren - das muss ja bei direkten Demokratieverfahren wohl immer betont werden - ist Menschenrechten, Grundgesetz, Datenschutz und Arbeiternehmerrechten usw. unterworfen.