26. Mai 2012
"Wie steht es um die deutsche Öffentlichkeit?" Wer diese Frage stellt, der stellt auch und vor allem die nach der Zukunft des Journalismus. Und da wiederum die Kernfrage: Interessiert sich die Öffentlichkeit überhaupt noch für unabhängige, kritische Informationen? Und was sind ihr diese wert? Oder gilt der Spruch von Oscar Wilde "Die Öffentlichkeit hat eine unersättliche Neugier, alles zu wissen - nur nicht das Wissenswerte"?
Noch freue ich mich jedes Mal, wenn ich aus den USA zurückkehre - im NDR sind wir unter anderen für die ARD-Berichterstattung aus Washington zuständig - oder aus dem Urlaub in Frankreich oder Italien, zuhause den Fernseher einschalte oder die Zeitungen aufschlage. Wir haben eine unglaubliche gute Medienlandschaft in Deutschland, die in der Breite und in der Spitze erstklassigen Journalismus produziert. Wir haben keinen monopolisierenden Berlusconi. Bei uns ernennt kein Staatspräsident einen Intendanten, und der brutalstmögliche Renditeansatz im Verlagswesen ist ebenfalls (vorerst?) gescheitert.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass unserer Gesellschaft die Wertschätzung für soviel Unabhängigkeit, wie unsere Medienlandschaft sie genießt und bietet, verloren geht.
Noch nie so gut informiert
Wie sieht es denn bei uns aus? Ein paar Ereignisse der letzten Monate: Der Bundespräsident muss zurücktreten, nachdem ihm von den Leitmedien Fragen gestellt und Fehler vorgeworfen und nachgewiesen werden. Die Verstrickungen der BayernLB in der Formel1 werden ebenso aufgedeckt wie die Fehler und jämmerlichen Unzulänglichkeiten der Schlapphüte in Sachen NSU oder die Ausbeutung und Gesundheitsgefährdung von Menschen in der dritten Welt durch deutsche Billiganbieter. Täglich versammeln sich rund neun Millionen Zuschauer für die Hauptausgabe der "Tagesschau", eines der letzten medialen Lagerfeuer unserer Mediengesellschaft, um unabhängig und kompakt informiert zu werden.
Ich könnte weitere Beispiele benennen, um zu belegen: Die deutsche Öffentlichkeit wurde noch nie so gut informiert, so aufgeklärt und so gut mit Hintergrundwissen versorgt wie heute. Und nie waren die Erregungszyklen kürzer, die Reaktionen hysterischer und die Verwirrtheit größer, was relevant ist und was nur räudiges Rudelrennen. Selbstkritisch muss ich anmerken: Oft wirkt gerade die Beziehung zwischen Politikern und Medien abgenutzt und ritualisiert - das ist kein öffentlicher Mehrwert und auch deshalb wenden sich Bürgerinnen und Bürgern immer häufiger von beiden ab.
Alles gut, solange das Totenglöckchen klingelt
In den Erfolgen, die ich aufgezählt habe, kann man sich jedoch sonnen. Aber Vorsicht: Das blendet auch. Und wenn man dann einmal die Hand anlegt, stellt man fest: Das ist kein gleißender Scheinwerfer, in dem der Journalist als Krone der Schöpfung steht - es ist das warme freundliche Licht des Sonnenuntergangs.
Nun habe ich in meinem Journalistenleben schon mehrere angesagte Tode überlebt. Als der private Lokalrundfunk aufkam, wurde der Tod der Lokalzeitung prophezeit. Die gibt es, in großer Vielfalt, heute noch. Als der kommerzielle Rundfunk startete, läutete das Totenglöckchen wieder für Print und auch für uns. Abgehakt! Es ist schon fast ein Naturgesetz: Je öfter der Journalismus, die informierte Öffentlichkeit totgesagt werden, desto lebendiger sind sie. Sorgen muss man sich eigentlich erst machen, wenn keiner mehr den Untergang voraussagt.
Doch der Wandel, den wir derzeit durch das Internet erleben, ist wirklich fundamental. So wie sich unsere Gesellschaft immer weiter fragmentiert, zersplittert auch die Öffentlichkeit. Wo wir - nehmen wir den NDR - noch Broadcaster sind, also Rundfunk für ein Massenpublikum produzieren, agieren im Netz eine Menge Narrowcaster. Dort entstehen täglich viele kleine Teilöffentlichkeiten, die dann wie Knotenpunkte miteinander kommunizieren.
Eben noch waren unsere "Kunden" (Zuschauer, Zuhörer, Leser) noch Rezipienten. Ergebenst unseren Informationsströmen und Meinungen ausgesetzt. Von Redakteuren gerne auch mal verachtet. Nun haben sich große Teile jener Rezipienten im Netz in nullkommanichts nicht nur zu eigenen Programmdirektoren entwickelt, die sich selbst zusammenstellen, was sie lesen, hören und sehen wollen. Sie sind inzwischen selbst Sender. Mit einem Blog, Forumsbeiträgen, Bewertungen über "Gefällt mir"-Knöpfe in sozialen Netzwerken oder mit der Videokamera in der Hand. Es gelingt ihnen sogar gelegentlich, einem lokalen Ereignis globale Aufmerksamkeit zu verschaffen. Da fällt einem Journalistenprofi schon mal vor Staunen das Tablet aus der Hand.