24. Mai 2012
Zu den zentralen Aufgaben des Sportjournalismus gehört es, die Ausdifferenzierung des Sports nachzuvollziehen. Die Sportentwicklung bringt nicht nur immer neue Höchstleistungen und Helden hervor, sondern auch eine Reihe von Kuriositäten und Schattenseiten. Daher stehen jenseits der klassischen "1:0-Berichterstattung" und Mythenbildung auch bedenkliche Trends im Fokus des journalistischen Interesse. Einen solchen Fall markiert das Bemühen, Pole Dance als Sportart - sogar als olympische - zu etablieren.
Kein Scherz. Vielmehr ein Lehrstück über den Zustand des Sports in unserer Gesellschaft und speziell die Kräfteverhältnisse und vorherrschenden Geschlechterstereotype im Sportjournalismus.
Pole Dance bezeichnet ursprünglich eine Tanzform, die insbesondere im Rotlichtmilieu in Kombination mit Striptease angeboten und mit einer oder mehreren in der Regel fest montierten Stangen betrieben wird. Neuerdings erlebt der Stangentanz einen Boom in Fitnesscentern, Tanzstudios und eigenen "Pole Dance Academies", wobei die Inhaber betonen, dass hier die sportlichen Aspekte im Vordergrund stehen. Neben den turnerischen und akrobatischen Herausforderungen - nämlich dem Training mit dem eigenen Körpergewicht - wird darauf verwiesen, dass die spärliche Bekleidung zwingend erforderlich wäre, da die nackte Haut mehr "grip" an der Stange verspricht.
Inzwischen finden sogar Meisterschaften im Stangentanz statt. Allein im letzten Jahr nahmen an der WM-Endrunde 39 Frauen aus 26 Ländern teil. Dabei erfährt Pole Dance eine kontinuierliche Weiterentwicklung: Es existieren mittlerweile mehr als 500 Elemente, die professionelle oder besser sportliche Vorführungen an der Stange aufweisen (können). Der Fitness- und auch Lifestyleeffekt ist unübersehbar. Deshalb hat sich Pole Dance in den letzten Jahrzehnten von einer Aktivität aus dem Rotlichtmilieu und der Zirkus-Akrobatik heraus zu einer gesellschaftlich akzeptierten Freizeitaktivität etabliert - übrigens auch deshalb, weil der Stangentanz in Hollywood-Filmen ("Striptease") respektive TV-Serien ("Desperate Housewives") thematisiert und von zahlreichen prominenten Schauspielerinnen (etwa Kate Hudson, Nicole Kidman, Eva Longoria) und Musikerinnen (Madonna, Miley Cyrus, Britney Spears) medienwirksam als angesagter "Fitnesstrend" ausgeübt wird.
Aus dem Rotlichtmilieu in die olympische Familie
Angetrieben von der World Pole Sport Federation bahnt sich diese Bewegungskultur nun den Weg aus dem Rotlichtmilieu in die olympische Familie. Bei den Spielen in Brasilien (2016) könnte der Stangentanz erstmals als olympische Disziplin vertreten sein, falls sich das Olympische Komitee zu dieser Entscheidung durchringt.
Die Chancen stehen jedoch gar nicht so schlecht. Denn der Sport gilt als eine der letzten männlichen Refugien, in denen in besonderer Weise Geschlechterhierarchien reproduziert und zementiert werden. So sind die Schlüsselpositionen in Sportverbänden, Redaktionen und Unternehmen überwiegend mit Männern besetzt, die damit über einen Großteil der Bedeutungs- und Definitionsmacht verfügen. Sie entscheiden, welche Sportart bei internationalen Events vertreten ist, über welche Athlet(inn)en wie redaktionell berichtet wird und wer letztlich seinen sportlichen Erfolg in der werblichen Anschlusskommunikation kommerzialisieren darf.
Dem greisen Funktionärspatriarchat dürfte Pole Dance als neue olympische Sportart entgegen kommen - lassen sich hierdurch doch neue Fangruppen erschließen und die männliche Zuschauerschaft "bei der Stange halten". Bereits in der Vergangenheit forderten Verbandsverantwortliche "attraktivere Kleidung" für Sportlerinnen, um primär das marktrelevante Segment potenzieller Sponsoren zu vergrößern und die Gewinnmaximierung zu erhöhen. Nun müssen sie nicht mehr mühevoll eine ganze Sportart feminisieren, sondern können mit Pole Dance eine körperliche Aktivität präsentieren, die sich als "Sporno" - der Schnittmenge zwischen Sport und Porno - widerstandslos männlichen Vermarktungsstrategien unterwirft.
Eleganz, Anmut, Sporno
Verbündete für diese Sexualisierung des weiblichen Sportkörpers finden die Funktionäre in der profitorientierten Sport-Medien-Wirtschafts-Allianz. Auch die Sportressorts sind mit gerade einmal acht Prozent Redakteurinnen männlich dominiert. Der redaktionelle Auswahlprozess richtet sich insofern primär nach den Präferenzen der männlichen Entscheider, die eine Medienrealität konstruieren, die sich zudem an den Wünschen der überwiegend männlichen Rezipienten orientiert. Daher fokussiert sich die Sportberichterstattung oftmals nur auf solche Athletinnen, die traditionelle Weiblichkeitskonzepte aufrechterhalten. Dazu zählen insbesondere Vertreterinnen der sogenannten ästhetisch-kompositorischen Sportarten, wie etwa Turnen und Eiskunstlauf, bei denen Eleganz und Anmut im Vordergrund steht. Abweichungen von diesem heteronormativen Frauenideal werden mit redaktioneller Ausgrenzung gestraft, sodass in Folge eine Akquise von Sponsoren - die zur Existenzsicherung der Profisportlerin erforderlich ist - deutlich erschwert wird.
In diesem Kontext ist anzumerken, dass von männlichen Sportakteuren im globalen Konkurrenzkampf um hoch dotierte Werbeverträge zunehmend auch ein attraktives Äußeres erwartet wird. Allerdings stellt die physische Attraktivität für Sportler kein Muss, sondern ein Plus dar, denn über sie wird auch dann berichtet, wenn sie nicht dem maskulinen Schönheitsideal entsprechen, während ihre Kolleginnen ohne entsprechende Attribute kaum eine redaktionelle Verwertbarkeit aufweisen. Dabei ist diese unterschiedliche Behandlung der Geschlechter in der Sportberichterstattung offensichtlich.