23. Mai 2012
Der Elfenbeinturm ist nach wie vor eine beliebte Metapher, um zu erklären, dass ein Wissenschaftler lieber einsam und alleine vor sich hinforscht, als sich vor der Öffentlichkeit zu artikulieren und damit zu legitimieren, für was er Millionen von Euros ausgibt. Was heute nicht nur wie ein Vorwurf klingt, sondern auch als solcher gemeint ist, war vor 200 Jahren eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit: Dichter und Denker mussten in der Abgeschiedenheit grübeln, um den Lauf der Welt erkennen und Lösungen für die Probleme entdecken zu können. Heute stehen viele Wissenschaftler regelmäßig vor Mikrofon und Kamera und vor allem Kollegen fragen sich: Wie kommt dieser Forscher noch zum Forschen?
Das Rampenlicht sind heutzutage Blitzlicht und Studiobeleuchtung. Im Fernsehen und auf Internetplattformen, in Hörfunkmagazinen und Zeitungen, in Talkshows, Wissenssendungen und Nachrichtenformaten ist wissenschaftliche Expertise gefragt. So steigen viele Forscher vom Turm herunter oder aus dem Labor herauf, lassen sich Make-up ins Gesicht pudern und stehen Rede und Antwort zu Klimawandel und Energiefragen, zu Mobilität und Sterblichkeit und vielem mehr.
Das kommt nicht immer (gleich) gut an. Die populären Massenmedien kreieren Lieblinge und Stars - zum Beispiel Harald Lesch - ebenso wie "Nerven-Sägen" - etwa Arnulf Baring und Jo Groebel. Trotzdem springen Wissenschaftler - und seltener Wissenschaftlerinnen - regelmäßig und wohl auch gerne ins mediale Haifischbecken. Warum tun sie das? Für Geld? Die Honorare sind keine Honorare, sondern Aufwandsentschädigungen. Mit Medienauftritten ist noch niemand reich geworden. Für Lob und Ehre? Das ist ein zweischneidiges Schwert. Denn in der wissenschaftlichen Gemeinschaft wird noch immer kritisch beäugt, wer seine Nase allzu oft und zu vielen Themen aus dem medialen Fenster hängt. Neid, Anfeindungen, bisweilen sogar Hass tragen nicht gerade zum Reputationsgewinn in der Wissenschaft bei.
Pathos vor Berufung
Das Hauptmotiv der medienaffinen Wissenschaftler für den Auftritt im Rampenlicht klingt hehr und fast pathetisch: Wissenschaftler fühlen sich in der Pflicht, der Öffentlichkeit das Wissen zur Verfügung zu stellen, für das diese bezahlt hat. Mit weniger Pathos nennen Wissenschaftler weitere Motive: Wissenschaft ist Berufung und spannend; die Faszination ist es wert, anderen vermittelt zu werden. Aber selbst wenn es keine Wissenschaftler (mehr) gäbe, die intrinsisch motiviert, also aus eigenem Antrieb heraus an die Öffentlichkeit streben, so würde es mit Sicherheit noch jene geben (müssen), die sich verpflichtet sähen, ab und zu Forschungsprojekte und -ergebnisse öffentlich zu präsentieren: Die Mediatisierung der Welt und die Medialisierung der Wissenschaft fordern ihren Tribut.
Raus aus den wissenschaftlichen Spezialmedien und hinein in "Bild", "Hart aber fair" und "Tagesschau". Experten gehen davon aus, dass die Verknüpfung von Wissenschaft, Information und Unterhaltung noch zunehmen wird. Die Menschen sind neugierig, interessiert und in großen Teilen wissbegierig. Aber trockene Fakten in Schule, Universität, über Internet-Portale oder in Abendkursen der Volkshochschule zu lernen, ist Vielen zu wenig attraktiv und zu anstrengend. Das Publikum hat zwar schon vor Jahrzehnten durch Zappen und die Priorisierung (privater) Unterhaltungsprogramme den Massenmedien abgewöhnt, sich als die großen Bildungsinstanzen der Republik zu verstehen, aber unterhaltsam Wissen vermitteln dürfen sie gerne. Das sogenannte Scientainment hat sich mittlerweile fest in der Medienlandschaft, vor allem der visuellen, etabliert. Aber wie ist die Balance zwischen Information und Unterhaltung, zwischen Wissenschaftlichkeit und Spaß zu halten?
Diktat der Unterhaltung
Journalismus muss gelingen, weder Verlautbarungsorgan der Wissenschaft zu sein, noch unter dem Diktat der Unterhaltung alle Daten und Fakten bis hin zur Verzerrung zu reduzieren. Er muss vereinfachen und die Komplexität reduzieren, ohne zu trivialisieren und zu banalisieren. Wohl dem Journalisten, der zu diesem Zwecke einen Wissenschaftler findet, der genau diese Gratwanderung als Person, als Protagonist der zu erzählenden Geschichte mit Bravour zu meistern weiß. Nicht, dass diese Persönlichkeiten so selten wären wie Trüffel; aber es gibt sie auch nicht gerade im Überangebot.
Denn: Die Selbstwahrnehmung des (deutschen) Wissenschaftlers als stets ernsthaft und seriös lässt ihn im Falle zu vieler Auftritte in Massenmedien um seine Reputation in der Wissenschaftsgemeinschaft fürchten. Außerdem hat er für so etwas in der Regel keine Zeit.
Die Fremdwahrnehmung durch das Publikum entlässt den Wissenschaftler noch immer nicht aus dem Klischee: Die "bebrillte Laborrate" scheut das Licht des Tages und der Kamera. Nun gibt es ja offenkundig einige (und immer mehr) Hochgelehrte, die sich offenbar um ihr (gutes) Image keine (negativen) Gedanken machen, und durch die Shows von Günther Jauch, Maybritt Illner und Johannes B. Kerner tingeln, in der Lokalzeitung ein Lexikon über komplizierte Begriffe der Wirtschaftswelt für Laien schreiben (Rudolf Hickels Wirtschaftslexikon im "Weser Kurier") und in der "Süddeutschen Zeitung" über die Frage räsonnieren, ob Computerspielen aggressiv macht (namentlich: Christian Pfeiffer).