Ein deutsches Prangerschema

Ein deutsches Prangerschema

von Hans Mathias Kepplinger
2. Mai 2012

Beim Skandal um Christian Wulff hat man den Eindruck, so etwas habe es noch nicht gegeben. Auf den ersten Blick ist das richtig. Noch wie wurde ein Bundespräsident durch einen Skandal zum Rücktritt gezwungen. 

Sein Vorgänger Horst Köhler hatte die internen Querelen der Berliner Politik und die mediale Kritik an seiner Amtsführung satt und gab sein Amt für alle überraschend freiwillig auf. Heinrich Lübke, Amtsinhaber in den Sechzigern, saß dagegen die jahrelange Kampagne einiger Medien wegen seiner angeblichen Beteiligung am Bau von Konzentrationslagern aus und trat erst kurz vor dem Ende seiner Amtszeit aus anderen Gründen zurück. Insofern ist der Skandal um Wulff tatsächlich einzigartig. Anders sieht es aus, wenn man den Anlass und die Mechanismen seiner Skandalisierung betrachtet.

In Deutschland geht es bei der Skandalisierung von Personen meist um Geld und geldwerte Vorteile, gelegentlich auch um die NS-Zeit und den Umgang damit. Beispiele hierfür sind die Geschehnisse um Filbinger, Homann, Walser und Grass. Geht es um die NS-Zeit, dreht es sich immer um Verhaltensweisen, die allgemein als schwere Verfehlung gelten. Allerdings unterscheidet sich der Skandal um das Israel-Gedicht von Günter Grass von allen anderen bedeutenden Skandalen der letzten Jahrzehnte: Der Schriftsteller hat den Skandal in Kenntnis der Mechanismen, die er damit auslösen würde, selbst provoziert. In den Fällen, in denen Geld eine Rolle spielt, geht es um geringe finanzielle Vorteile, die in Frankreich oder den USA niemanden interessieren würden. So war es bei Rudolf Scharping (Boutiquenrechnung), Cem Özdemir (Bonus-Meilen) oder zuletzt Wulff.

Besonders deutlich wird die Fixierung der Deutschen auf geldwerte Vorteile im Fall von VW: Zum Skandal wurde nicht, dass die Mitarbeiter ihre Frauen betrogen hatten, sondern dass das Unternehmen dafür bezahlt hatte. In den USA wäre es umgekehrt gewesen.

Das Prangerschema

Die Medien machen Missstände zu Skandalen, indem sie den Eindruck vermitteln, dass die Übeltäter in Kenntnis der Fragwürdigkeit ihres Tuns, ohne äußeren Zwang und aus eigennützigen Motiven gehandelt haben. Wie bei Wulff sind die Sachverhalte in vielen Fällen schon bekannt lange bevor sie zum Skandal werden. Dessen problematisierte Beziehung zum Ehepaar Geerkens und seine Vorzugsbehandlung durch Air Berlin waren schon vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten ein Thema im Niedersächsischen Landtag. Zum Skandal wurde das erst als die "Bild"-Zeitung und der "Spiegel" eine enge Beziehung zu seinem Hauskredit aufgezeigt und Frank Schirrmacher in der "FAZ" eine schlüssige Verbindung zwischen Geld, Charakter und Amt hergestellt hatten: "Kreditfragen... sind moralische Fragen. Es geht um Glauben und Vertrauen. Damit sind sie das Äquivalent zum höchsten Staatsamt. Es geht um moralischen Kredit."

Damit hat Schirrmacher ein Schema etabliert, das die folgenden Recherchen und die Interpretation der Befunde geprägt hat. Mit der Skandalisierung von Sachverhalten, die im Kern schon länger bekannt sind, steht Christian Wulff in einer Reihe ähnlicher Vorkommnisse. So war der positive Kommentar des Journalisten Werner Höfer zur Hinrichtung von Karl-Robert Kreiten während des Dritten Reiches lange bekannt. Zum Skandal wurde er erst, nachdem der "Spiegel" den Fall nicht als Anklage gegen den Verfasser, sondern als Tragödie des Opfers dargestellt hatte. Auch die Finanzierung der Auslandsreisen von Lothar Späth durch Unternehmen war schon lange bekannt. Zum Skandal wurde sie erst, nachdem der "Spiegel" und der SWR sie nicht mehr als Beispiel für schwäbische Sparsamkeit, sondern als Beleg für verwerfliche Vorteilsnahme eines Politikers präsentiert hatten.

Durch die Etablierung dieses Prangerschemas erhielten im Falle Wulff alle folgenden Entdeckungen eine Bedeutung, die sie ohne es nicht gehabt hätten. Das beginnt bei der Existenz der Kontakte Wulffs zu angeblich fragwürdigen Personen (Geerkens, Maschmeyer, Glaeseker, Schmidt, Groenewold), geht weiter bei angeblich fragwürdigen Vergünstigungen (Hauskredit, Urlaubausreisen, Flugreisen, Hotelaufenthalte, Buchwerbung, Handybenutzung, Autokauf, Leihkleidung) und endet bei exotischen Fragwürdigkeiten (Tätigkeit als Anwalt, Rolle im VW-Aufsichtsrat, Ernst-Jünger-Zitat).

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