In den Laboren des Journalismus

In den Laboren des Journalismus

von Ulrike Langer und Alexander von Streit und Stephan Weichert
10. Mai 2012

Wer mit Emily Bell sprechen will, findet sie im hintersten Winkel der Journalismus-Fakultät an der New Yorker Columbia Universität. Vor zwei Jahren verließ die damalige Digitalchefin des britischen "Guardian" London, um das neue Tow Center for Digital Journalism an der ältesten und traditionsreichsten Journalismus-Fakultät der USA zu leiten.

Sie tauschte ihren Arbeitsplatz in einer der modernsten Redaktionen der Welt gegen ein winziges schmuckloses Büro, in dem nichts darauf hindeutet, dass hier Journalismus der Zukunft erfunden wird.

Aber die Professorin kann sich kaum etwas Spannenderes vorstellen. "New York ist momentan ein einzigartiger Ort für Journalismus. Hier werden Innovationen angestoßen und umgesetzt. All das geschieht viel eher in lebendigen Netzwerken als in festgefahrenen Institutionen."

Bell forscht und experimentiert, wie junge Journalisten ausgebildet werden sollten, um eine Chance auf dem sich rasant verändernden Medienmarkt zu haben. Das sei durchaus vergleichbar mit ihrem Job vor zehn Jahren, sagt sie, als sie in der Frühphase des World Wide Web die Seite des "Guardian" aufbaute.

Datenjournalisten mit Hochschulbildung

Was am Tow Center erforscht wird, soll in der journalistischen Praxis angewandt werden, betont Bell. Seit Beginn des Studienjahres erhalten die ersten Datenjournalisten an der Columbia Journalism School eine Hochschulausbildung. 2014 werden die ersten 15 Absolventen mit einem doppelten Abschluss als Journalisten und Software-Ingenieure die Uni verlassen - wahrscheinlich als gefragte Experten. Das neue Programm hat auch bei vielen traditionellen Journalismus-Studenten Interesse geweckt, mit Daten umgehen zu können. Schließlich könnte das ihre Karrieren beflügeln, denn die weltweit verfügbaren Datenmengen werden immer größer, die daraus resultierenden Fragestellungen immer komplexer. Die Medien brauchen Spezialisten, die all das interessant, sinnvoll und verständlich aufbereiten können.

Innovationen © Christiane Strauss width=
Die "New York Times" stellt zum Beispiel in einigen ihrer Ressorts bevorzugt Redakteure an, die Programmierkenntnisse haben. Sie übersetzen komplizierte Zusammenhänge in intuitiv erfassbare interaktive Grafiken und machen die Geschichten hinter großen Datenmengen sichtbar. So haben Datenjournalisten bei der "Times" etwa einen Webrechner gebaut, in den New Yorker ihre persönlichen Lebensumstände eingeben können und anschließend aus den Resultaten erkennen, ob sie eine Wohnung lieber kaufen oder mieten sollten.

Offene Daten

"Daten sind nicht mehr nur Teil der Recherche. Journalisten geben der Öffentlichkeit den Zugang zu ihren Rohdaten, damit sie ihre eigenen Geschichten darin finden können", sagt Aron Pilhofer, Leiter der Abteilung Interactive News bei der "New York Times". Wie das funktioniert, lehrt der Datenjournalist an der Columbia University. Außerdem tauscht er sich mit anderen Journalisten und Programmierern bei den Treffen der sogenannten Hacks/Hackers aus - eine Gruppierung, die Pilhofer 2009 mitgründete und die es mittlerweile in mehreren Ländern gibt. Genau diese lebendigen journalistischen Netzwerke faszinieren Bell in New York.

Beim "Guardian" wird das Prinzip der offenen Daten seit 2009 praktiziert. Damals stellte die britische Zeitung eine knappe halbe Million Dokumente zum Spesenskandal der britischen Unterhausabgeordneten ins Netz und dokumentierte mit Nutzerhilfe, welche Parlamentarier Steuergeld zweckentfremdet hatten. Im November 2011 rief der "Guardian" seine Nutzer dazu auf, mithilfe bereitgestellter Datensätze Panikwellen an den internationalen Finanzmärkten möglichst anschaulich zu visualisieren. Bei "Zeit Online" gewann 2011 eine interaktive Visualisierung zur Vorratsdatenspeicherung anhand der Handydaten des Grünen-Politikers Malte Spitz mehrere Preise.