20. April 2012
Jedes Jahr bewerben sich über 10.000 Interessenten an deutschsprachigen Universitäten, um "irgendwas mit Medien" zu studieren. An der Universität Münster gab es im Sommer 2011 mehr als 3.400 Bewerber auf 90 freie Plätze in der Kommunikationswissenschaft. Und nicht nur große Standorte wie Münster, Berlin oder München melden regelmäßig vierstellige Bewerberzahlen. Auch die vergleichsweise kleine Universität Hohenheim in Stuttgart zählte letzten Sommer fast 1.900 Bewerber.
In der Debatte um die gesellschaftliche Wahrnehmung der Kommunikationswissenschaft scheint die Zahl der Bewerber bislang nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Obwohl das Studienfach sich großer Beliebtheit erfreut, mag keiner der Verantwortlichen vor Freude die Sektkorken knallen lassen. Vielmehr beklagt man das fehlende Medienecho auf eigene Forschungsergebnisse und attestiert dem Fach eine "schwache Schlagkraft" (Martin Welker).
Die Controller in den Universitätsverwaltungen scheinen im Zeitalter der Zielvereinbarungen den Takt vorzugeben: Wie viele Drittmittel hast du eingeworben? Wie viele peer-reviewed Journalbeiträge hast du veröffentlicht? Wie oft warst du mit Deinen Forschungsergebnissen in den Medien? Tod oder Gladiolen. Wen interessiert da noch die schlichte Zahl der Studienbewerber?
Halten wir deshalb fest: Das Fach ist unter jungen Menschen beliebt. Es scheint mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung des Fachs gar nicht so schlimm bestellt zu sein, wie befürchtet. Doch, doch, heißt es dann, die große Nachfrage sei nur das Resultat einer "irreführenden Werbung" (Detlef Esslinger), in der kommunikationswissenschaftliche Institute weiter steif und fest behaupten, sie würden die Studierenden zu Journalisten auszubilden.
Wer den Studienalltag kennt, der weiß: Die Mehrzahl der Studierenden will gar nicht in den Journalismus. Die letzte Münsteraner Absolventenstudie zeigt, dass nur noch ein Viertel unserer Absolventen im Journalismus arbeitet. Über ein Drittel berichtet hingegen, nach dem Studium im Kommunikationsmanagement zu arbeiten - Tendenz steigend. Zählt man Werbung noch hinzu, kommt man für das Berufsfeld der strategischen Kommunikation auf rund 50 Prozent Absolventenanteil.
Irgendwas mit Medien
Der Siegeszug des Kommunikationsmanagements hinterlässt sogar schon im Studienalltag seine Spuren: In Leipzig zählte man zuletzt im Master-Studiengang "Communication Management" pro Studienplatz mehr Bewerber als im Journalistik-Master. Das Kommunikationsmanagement hat die Journalistik als Lieblingsfach offensichtlich abgelöst.
Wenn sich so viele junge Menschen um Studienplätze in der Kommunikationswissenschaft bewerben, zählt das für mich zu den "Stärken unseres Fachs" (Welker). In unserem berechtigten Selbstbewusstsein sollten wir es den Studienanfängern nicht übel nehmen, wenn sie noch nicht genau wissen, worum es im Studium geht. In der Phrase "irgendwas mit Medien" kommt doch letztlich nur die vage Vorstellung über ein Studium zum Ausdruck, das nach erfolgreichem Abschluss einen Beruf in einem vielfältigen und zugleich offenen Berufsfeld verspricht.