Journalismus unter digitalen Vorzeichen - 15 Thesen

Journalismus unter digitalen Vorzeichen - 15 Thesen

von Leif Kramp und Stephan Weichert
2. April 2012

Die Medienbranche erlebt aktuell den größten Umbruch seit Erfindung des Buchdrucks: Dynamisierte Produktionszyklen und der digitale Strukturwandel fordern den professionellen Journalismus in besonderer Weise heraus.

Doch der Beruf zeigt sich wandlungsfähiger denn je: Die Digitalisierung hat in vielen Verlagen und Medienunternehmen zu einem grundlegenden Umdenken geführt: Beschleunigung, Flexibilität und Mobilität sind keine Kategorien mehr, vor denen Journalisten Angst haben - im Gegenteil: Die Möglichkeiten des Internet werden neuerdings als Chance begriffen, um die gesellschaftlichen Funktionen eines Journalismus unter digitalen Vorzeichen zu stärken. Doch wohin steuert der Journalismus als Ganzes? Durch wen werden innovative Akzente gesetzt? Und wie experimentierfreudig muss das Metier sein, um dem ökonomischen Druck langfristig zu trotzen?

Um diesen existenziellen Fragen nachzugehen, haben wir für unseren "Innovationsreport Journalismus" über 200 deutschsprachige Experten aus Journalismus, Verlagsbranche, Rundfunk, Medienpolitik sowie Medien- und Kommunikationsforschung befragt. Ob in Bezug auf alternative Finanzierungsmöglichkeiten, neue Formen des Redaktionsmanagements oder Experimente mit interaktiven Darstellungsformen: Die wichtigsten Impulse gehen eindeutig vom Internet aus. Nach dem Eindruck der Experten arbeiten deutsche Verlage aber noch nicht nachdrücklich genug an tragfähigen Zukunftsstrategien: Die Dringlichkeit des Umdenkens sei noch nicht in den Köpfen der Verantwortlichen in den Führungsebenen angekommen. Sie handeln - wird kritisiert - zu zaghaft.

In der Umfrage wurde eine Vielfalt an Defiziten, aber auch Visionen skizziert, die als Ansatzpunkte dienen, um die maßgeblichen Innovationsfelder eines Metiers auszuloten, das sich mit gravierenden Veränderungen konfrontiert sieht. Mit den folgenden 15 Thesen machen wir einen ersten Aufschlag:

1. Das Internet ist das Medium der Stunde - vor allem, was die Neuerfindung und Reformierung des journalistischen Berufsfeldes angeht: Ob soziale Netzwerke, Kollaborationen mit Usern oder Enthüllungsportale wie Wikileaks - die Potenziale für das journalistische Handwerk sind zweifellos gigantisch. Diese Aufbruchsstimmung ist inzwischen deutlich in der Branche zu spüren, die derzeit eher von Experimentiergeist geprägt ist als von einer Totengräberlaune wie noch vor wenigen Jahren. Trotz dieser erfrischenden Vorwärtsbewegung beobachten einige Akteure weiterhin sorgenvoll Gefahren und Negativtrends, etwa die zunehmende Verwachsung des Journalismus mit der PR-Branche.

2. Die publizistische Bedeutung des Web 2.0 als Distributions- und Kommunikationskanal wird in Zukunft weiter wachsen. Neben der generellen Relevanzsteigerung journalistischer Nachrichtenangebote im Netz werden vor allem Blogging-Dienste und soziale Netzwerke für den Journalismus in jeder Hinsicht wichtiger -ob als Marketingtool, Publikations- und Rechercheplattform, zur Kontakt- und Imagepflege oder im Hinblick auf Kollaborationsmodelle mit den Nutzern. Dabei bleiben hergebrachte Publikationssilos in den kommenden Jahren wichtig, auch wenn das Internet seine Dominanz in der Mediennutzung kontinuierlich ausbauen und vor allem tagesaktuelle Druckerzeugnisse (Print) weiter in den Hintergrund drängen wird. Andere klassische Medien wie Zeitschriften, Radio und Fernsehen werden aber nach wie vor in den journalistischen Kernmärkten bestehen können.

3. Einordnung, Analyse und Bewertung von Informationen wird die journalistische Arbeit noch stärker prägen als bisher - auch weil das Publikum dies stärker als bisher einfordert. Die Nutzer erkennen den (Mehr-) Wert des Journalismus aufgrund der zunehmenden gesellschaftlichen Informationsüberlastung künftig vor allem in sauberen Recherchen, geschliffenen Kommentierungen und lupenreinen Analysen, während die reine Aneinanderreihung und Darbietung von aktuellen Fakten und Nachrichten schon längst kein journalistisches Alleinstellungsmerkmal mehr ist, zumal nicht in der Tagespresse. Eine besondere Rolle nimmt im neuen Info-Mix der Nutzer selbst ein: Hier erscheinen Formen der redaktionellen Einbindung und Zusammenarbeit durchaus vielversprechend, allerdings nur dann, wenn sie gezielt und nach allen professionellen Regeln der Kunst praktisch umgesetzt werden.

4. Die Medienkrise hat den Urtrieb der Branche zum Überleben geweckt - und damit auch Experimentiergeist hervorgebracht. Der aktuelle Strukturwandel hin zur digitalen Öffentlichkeit (digital shift) fordert den professionellen Journalismus geradezu heraus, sich innovativen Darstellungsformen und interaktiven Vermittlungskonzepten zuzuwenden. Dies müsste eigentlich auch erhebliche Auswirkungen auf Bereiche wie Redaktionsmanagement und Geschäftsmodelle haben, allerdings fehlt es bei vielen Zeitungsverlagen und Rundfunkanbietern zurzeit noch an Investitionsbereitschaft. Eine Innovierung des Berufsbildes ist also - trotz des steigenden wirtschaftlichen Drucks - wohl erst dann zu erwarten, wenn sich noch mehr jüngere Nutzerschichten von journalistischen Angeboten abwenden als bisher. Hier sollte das konvergente Medienumfeld weitaus stärker als Chance für Innovationen begriffen werden.

5. Online gilt wegen seiner technologischen Spielräume als Innovationstreiber des Journalismus schlechthin, jedoch stellen unausgereifte Finanzierungsmodelle vorläufig den größten Hemmschuh für Investitionen dar. Bahnbrechende Neuentwicklungen journalistischer Angebote sind im Internet wohl erst dann zu erwarten, wenn sich die Branche auch im Bereich der Erlösmodelle experimentierfreudiger zeigt, indem sie sich etwa funktionierende Geschäftsmodelle aus journalismusfremden Bereichen (Online-Gaming, E-Commerce, Content-Syndication, Suchmaschinenmarketing etc.) stärker zunutze macht. Im Vergleich dazu scheint das Kreativpotenzial klassischer Medien vorerst erschöpft: Zwar werden auch bei Printerzeugnissen, Radio und Fernsehen teilweise alternative Marketing- und Erlöskonzepte sowie neue redaktionelle Managementansätze verfolgt, allerdings geschieht dies eher im Rahmen der klassischen werblichen und publizistischen Möglichkeiten.

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