Viele echte Menschen in elektrischen Kisten

Viele echte Menschen in elektrischen Kisten

von Jörg Thadeusz
23. März 2012

Mario Adorf ist ungeschminkt. Soll man nicht, ungeschminkt im Fernsehen sitzen. Sonst glänzt die Haut. Adorf glänzt nicht, er strahlt. In seiner Autobiografie hat Adorf eine Jugend im Krieg beschrieben. Am 8. Mai 1945 ist Adorf noch nicht einmal 15 Jahre alt. Aber er hat schon so viel Gewalt, Verletzung und Tod erlebt, dass ein sogenannter Prominenter von heute mit einem Hundertstel der Erfahrungen mindestens zwei Bücher darüber geschrieben hätte. Wahrscheinlich Bestseller, das Wort "Trauma" würde oft genannt.

Bei Adorf steht der Lebensanfang logischerweise auch am Beginn seiner Lebenserinnerungen. So ging es los, mehr nicht. Ich frage ihn nach dem Lied "Mamatschi, schenk' mir ein Pferdchen", mit dem er dafür sorgte, schon im Luftschutzkeller im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Sieben Jahrzehnte später singt Mario Adorf das Lied in einem Berliner Fernsehstudio an. Wer wissen will, warum das so stark, so unlöschbar in meiner Erinnerung geblieben ist, der muss es fernsehen.

Oder Wolfgang Schäuble ist im Studio. Er sieht in einem Nachrichtenfilm der "Tagesschau" einen Mann auf einer Krankenwagentrage liegen. Der Verletzte wird von außen beatmet, er ist Opfer eines Attentäters geworden. Der Mann auf der Trage ist Wolfgang Schäuble.

"Das sehe ich zum ersten Mal", sagt der Minister. So nüchtern, wie dieser porentiefe Protestant nun mal spricht. Danach ist er mit den Gedanken woanders, und ich weiß auch nicht, was ich sagen oder fragen soll. Die Pause ist kein geplanter Fernseheffekt.

Romantische Gründe für das Fortbestehen des TV

Für einige werden diese Beispiele die bodenlose Eitelkeit eines Fernsehmenschen belegen. Nennt Szenen seiner eigenen Gesprächssendung, wenn es um das Fernsehen im Allgemeinen gehen soll. Aber mir fallen nun mal vor allem romantische Gründe ein, um ein Fortbestehen des Fernsehens zu verteidigen.

Ich sehe es sogar noch enger: Auch Menschen, die erst in 20, 25 oder 30 Jahren erwachsen sind, sollen öffentlich-rechtliches Fernsehen gucken können. Was nicht heißen soll, dass die privaten Sender ihr Geschäft nicht verstehen. Ganz im Gegenteil. Sie müssen sogar wissen, mit welcher Art Fernsehen Geld zu verdienen ist. So lange es sich als Geschäft lohnt, werden RTL und Sat.1 und all die anderen Fernsehen herstellen.

Mir sagt das Programm der Privaten oft mehr, als irgendeine Umfrage, die sich hinterher als "Deutschland-Trend" aufpustet. Die Frage "Sollte jeder Deutsche ein Gedicht von Schiller kennen?" werden nur steindumme Ignoranten, oder kategorisch Freiheitsliebende mit "Nein" beantworten. Wenn vier Millionen unbedingt sehen wollen, wie bei RTL junge Menschen durch den Talentwolf gedreht werden, dann ist das eine viel wahrhaftigere Aussage. Freiwillig tun sie das. Ungezwungen und unbezahlt.

Wenn immer noch drei Millionen zugucken, wie Heidi Klum gemein zu dünnen Frauen ist. Oder wenn noch mehr Leute bezeugen, wie sich Gescheiterte in einem gefälschten Dschungel ekeln, dann entfährt mir ein "Hallo Deutschland!".

Den Fernseher abgeschafft

Mit dem Begriff "Leitkultur" hat bisher niemand irgendjemandem einen Gefallen getan. Aber wer dieses Wort in den Mund nimmt, sollte dabei nicht an Bach, Heine und Thomas Mann denken. Sondern er sollte sich mehrere ausverkaufte Fußballstudien vorstellen. Um sich vor Augen zu führen, wie viele Deutsche täglich vor dem Nachmittagsprogramm der Privaten dämmern.

Nun haben sich an den Dummheiten des Fernsehens schon genug Innenseitenjournalisten vor allem zum Zweck der eigenen Befriedigung gerieben. Als Mensch, der sogar sein Geld mit Fernsehen verdient, darf ich auch oft Leute treffen, die mir versichern, sie hätten den Fernseher abgeschafft. Sie sind darauf stolz, das kann man hören. Nicht befreit, wie diejenigen, die vom Rauchen los sind. Eher berauscht von der eigenen historischen Größe, mit der sie einem übermächtigen Übel die Stirn bieten. In der Abgeschiedenheit der Elternkonferenz einer Waldorf-Schule wärmt der Gedanke an das gute Buch am Abend auch ganz bestimmt.