Unzerstörbar

Unzerstörbar

von Bernd Gäbler
7. Mai 2012

Unser Zeitgefühl ändert sich rasant. Alles muss sofort geschehen. Wo man hinsieht, wird verlinkt. Alles wird toleriert, nur nicht das Warten. Es gibt Beobachter, die deswegen davon überzeugt sind, auch der homo televisiones sei passé. Das Gegenteil ist der Fall.

Ausgerechnet das Fernsehen erweist sich als erstaunlich stabil. Immer noch steigt die Sehdauer: auf mittlerweile 229 Minuten täglich, und Werbemedium Nummer eins ist TV ohnehin. Das Internet dagegen hat als Werbeträger - trotz steiler Wachstumsraten - soeben erst das Radio sicher überholt. Die RTL-Group lieferte 2010 mal eben 760 Millionen Euro Gewinn bei Bertelsmann ab und selbst die von Eigentümerwechseln durchgeschüttelte ProSiebenSat.1 Media AG entwickelt sich ökonomisch wieder positiv. Hinzu kommen die bald acht Milliarden Euro, die demnächst per Haushaltsabgabe von jedermann in das öffentlich-rechtliche System gepumpt werden. Das Fernsehen steht voll im Saft, sogar in seiner traditionellen Form als Rundfunk in Bild und Ton.

Warum soll es durch neue Medien verdrängt werden? Die Idee von delectare et prodesse, also zu informieren und zu unterhalten in einem Medium, das Bild und Ton vereint und wie ein flexibler Daten-Wasserhahn in einem dosierbaren Strom jeden Haushalt beliefert, die Welt da draußen in den privaten Raum projiziert, also "fern sehen" ermöglicht, ist keineswegs hinfällig. Wir befinden uns am erst Beginn einer Medienrevolution. Das Ensemble der genutzten Medien wird sich fundamental verändern. Aber dass diese Revolution auch das Fernsehen zerstören wird, ist keineswegs ausgemacht. 

Am Fuße einer Medienrevolution

Begreifen wir die Digitalisierung als einen epochalen Einschnitt, vergleichbar mit der Entwicklung der Schrift oder des Buchdrucks mit wiederverwertbaren Lettern, dann leben wir in der auch als Turing-Galaxis bezeichneten neuen digitalen Ära vielleicht in einem Jahr, das etwa dem Jahr 1470 der Gutenberg-Galaxis entspricht: also, ganz am Anfang. Wir wissen, dass die Umwälzungen groß sein werden, ohne die Dimensionen schon absehen zu können.

Johannes Gutenberg wollte aus Neukombination bereits vorhandener technischer Komponenten eine Schönschreibmaschine entwickeln; identische Reproduzierbarkeit wurde die Pointe. Um Peter Glasers bonmot fragend zu wiederholen: Ist die Welt nun eine Google? Immerhin scheint die "Jederzeit-Überall-Sofort-Alles-Maschine" bereits von Larry Page und Sergei Brin erfunden worden zu sein, auch wenn die Schneisen der Datenspuren und -schatten, die wir selber in dieser Welt hinterlassen, noch größer zu sein scheinen als deren sinnvolle Kartierung.

Mark Zuckerberg hat der Menschheit mit Facebook neue Selbstgewissheit und soziale Möglichkeiten eröffnet. Aber ist auch schon klar, was die finale Pointe sein wird? Werden die menschlichen Beziehungen selbst zugleich global und fragiler? Steuern wir auf Mensch-Maschine-Hybride zu? Werden technische Medien, die ursprünglich Körperextensionen waren, wieder reimplantiert, also Teile der Körper werden? Was wird aus der Holographie und der möglichen Mehrdimensionalität von Medien? Oder einfacher: Steht eine Phase der universelle Sprachsteuerung bevor? Und: was macht das alles mit unserem Denkvermögen und unserer sozialen Produktivität?

Die Fragen sind groß. Ebenso die Visionen. Gesicherte Empirie aber gibt es nur in einer Hinsicht: wo und wie auch immer, konsumierend oder schöpferisch, empfangend oder sendend, hyperlokal oder global, unabhängig von Empfangsgeräten und Distributionswegen wird es eine Zunahme von Bewegtbildern geben.

Das Fernsehen als gefesselter Riese

Warum nennen wir die Summe dieser Zappelbilder nicht Fernsehen? Weil uns surfen edler erscheint als gucken? Weil wir das Crossmediale in diesem Begriff zu wenig gewürdigt finden? Weil wir zwar nichts dabei finden, auf "tagesschau.de" lange Artikel zu lesen, aber es noch ungewohnt ist, auf der Website der Lokalzeitung fernzusehen? Weil wir YouTube nicht als Häppchen-Fernsehen verunglimpft sehen wollen?

Vielleicht aber auch einfach deshalb, weil wir das Fernsehen noch zu sehr mit einer bestimmten technischen und systemischen Konfiguration identifizieren: als Rundfunk in Bild und Ton, mit einem Programm (= Vorschrift), Sendern und Empfängern, gesetzlich gesichert in einem dualen System. Schon in dieser Existenzform sichert das Fernsehen nicht nur stabil größte Reichweiten und ökonomischen Erfolg, sondern entfaltet enorme Wirkung. Es strukturiert die Wahrnehmung, formt die Politik, prägt das gesellschaftliche Gedächtnis, durchdringt das Lernen und sogar die Artikulationsfähigkeit der Individuen.

Das Fernsehen entspricht so sehr den Grundbedürfnissen gesellschaftlicher Kommunikation, dass es weder aktiv zerstört noch still verschwinden wird. Als Rundfunk im dualen System gleicht es einem gefesselten Riesen. Als altes Medium wird es nicht veralten, wenn es sich neue Formen und Inhalte sucht.