Reformation statt Revolution

Reformation statt Revolution

von Lorenz Matzat
19. März 2012

Clay Shirky ist ein Apokalyptiker. Der Medienwissenschaftler aus den USA schrieb 2009 in seinem Text "Newspapers and Thinking the Unthinkable" ketzerisch: "Die Gesellschaft braucht keine Zeitungen. Was wir brauchen ist Journalismus." Im gleichen Atemzug kündigte er ein jahrzehntelanges Chaos an: Die ungestörte Symbiose zwischen Zeitungen, Werbetreibenden und Lesern wäre nach über hundert Jahren endgültig vorbei. Es sei an der Zeit, im Medienhandwerk zu experimentieren. Doch, so warnte Shirky, viele der Versuche seien zum Scheitern verdammt. Aber einige Experimente würden schließlich das hervorbringen, was das Nachrichtenwesen der Zukunft sein werde.

Propheten sind manchen ein Dorn im Auge. Zum Beispiel Dean Starkman, der Ende 2011 einen langen Text verfasste, in dem er die von ihm als "News Gurus" Gebrandmarkten kritisiert. Shirky macht er zu einem der Protagonisten eines "Future-of-News" (FON) Konsenses. Jeff Jarvis zählt für Starkman ebenfalls dazu (Jarvis wird auch als "Cyber-Utopist" bezeichnet; sein jüngstes Buch wurde von Evgeny Mozorov brutal verrissen).

Starkman selbst arbeitete acht Jahre für das "Wall Street Journal" und ist derzeit als freier Wirtschaftsjournalist und Dozent unterwegs. Seine zentralen Vorwürfe an die Verfechter des FON-Konsenses sind der in seinen Augen bedingungslose Glauben an das Positive im Wandel durch das Internet sowie die Ignoranz der wirtschaftlichen sowie institutionellen Grundlagen, sprich der Verlagshäuser, welche guten, investigativen Journalismus erst möglichen machten. Überhaupt sei nach dem Krisenjahr 2009 das Gröbste für das Journalismusgeschäft überstanden. Die Öffentlichkeit brauche professionellen Journalismus, nicht zuletzt im lokalen Bereich, stellt Starkman fest. Auch macht er die Internet-Technologie dafür verantwortlich, "Hamsterrad-Journalisten" hervorgebracht zu haben, die Print, Video und Audio sowie Social-Media am besten gleichzeitig machen sollten.

Ermüdendes Blogger-versus-Journalisten-Gezänk

 Shirky ließ die Vorwürfe nicht auf sich sitzen – und antwortete Starkman. Er hält ihm eine sentimentale, rückwärtsgewandte Haltung vor, bei der er die Augen vor der Realitität verschließe. Denn anders als große Blätter wie die "New York Times" könnten kleine lokale Zeitungen kaum per Zahlschranke (Paywall) das wegbrechende Anzeigengeschäft kompensieren. Emily Bell vom "Guardian" fühlt sich ebenfalls von Starkman angegriffen. Sie erklärt das Phänomen des Hamsterrad-Journalismus als Ausdruck der Unfähigkeit der meisten Zeitungsverlage, sinnvoll Onlinejournalismus zu managen und zu gestalten.

Diese Debatte scheint erst in Gang zu kommen. Und sie ist interessant, weil sie sich letztlich darum dreht, wofür wir Journalismus brauchen und welcher Gestalt er sein soll. Ein wenig eines solchen Diskurses würde man sich im deutschsprachigen Journalismus wünschen. Doch hierzulande bleibt nach dem jahrelangen und ermüdenden Blogger-versus-Journalisten-Gezänk offenbar das Urheberrecht das Hauptschlachtfeld, speziell das "Leistungsschutzrecht" der Verlage. Als innovativ gilt in den Redaktionen allenfalls, so der Eindruck, auch noch den renitentesten Offlinern die Nutzung von Social-Media beizubiegen.

"Wie konnte eine Branche, die von der Neugier lebt, die Lust auf das Neue verlieren?", fragte Stefan Plöchinger in einem VOCER-Essay. Der Chefredakteur des Onlineauftritts der "Süddeutschen Zeitung" beantwortete seine Frage gleich selbst: Journalisten schreiben gerne über Revolutionen, sind aber ungern Teil davon.

Doch Revolution ist ein großes Wort. Und Revolutionen dauern eigentlich nicht Jahrzehnte. Ein Bildersturm findet nicht statt, das Alte wird nicht verschwinden. Gedruckte Zeitungen, Bücher aus Papier wird es weiterhin geben. Schließlich geht es nur im Vordergrund um das Trägermedium, auch wenn immer wieder Arien auf die Haptik der Zeitung am Frühstückstisch gesungen werden. Vielmehr haben wir es mit einer "Reformation" im eigentlichen Sinne des Wortes zu tun – ohne den religiösen Beigeschmack: Eine Branche formt sich um, erneuert sich.