Die Aufregung des Augenblicks überdauern

Die Aufregung des Augenblicks überdauern

von Stephan Lamby
15. März 2012

Frühjahr 2011. Fast überall in der arabischen Welt erheben sich Menschen gegen Diktatoren. Panzer fahren auf, ausländische Kampfflugzeuge werfen Bomben. Es herrscht Krieg, auch in deutschen Wohnzimmern. Die Einschaltquoten von Nachrichtensendungen jagen in die Höhe, doch die Privatsender denken gar nicht daran, ihre Katzenbergerjauchrestauranttester für Revolutionen und Kampfeinsätze zu unterbrechen. Die News-Redaktionen von ARD und ZDF laufen dagegen auf Hochtouren, produzieren eine Sondersendung nach der anderen, überzeugen mit mutigen, kompetenten Live-Schalten und Kurzbeiträgen. Sternstunden des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Und doch ist das Publikum verwirrt. Gegen welche Diktatoren erheben sich die Demonstranten eigentlich? Haben wir in Tunesien nicht letztes Jahr Urlaub verbracht? Menschenrechtsverletzungen sind uns da gar nicht aufgefallen. Husni Mubarak? Hatte ihn Angela Merkel nicht herzlich in Berlin empfangen und als "Freund" bezeichnet? Und durfte Muammar al-Gaddafi nicht bei Nicolas Sarkozy in Paris sein Zelt aufschlagen? Ben Ali, Mubarak, Gaddafi - drei gesellschaftsfähige Staatsmänner mutieren 2011 innerhalb weniger Wochen zu brutalen, korrupten Diktatoren.

Selbst die aufmerksamsten und treuesten Zuschauer von "Tagesschau" und "heute" müssen überrascht sein. Irgendetwas haben sie wohl verpasst. Und die libyschen Rebellen, die Sarkozys "Koalition der Willigen“ plötzlich mit Bombengewalt im Kampf gegen den Diktator unterstützt - was sind das eigentlich für Leute? Wie werden sie sich verhalten, wenn sie einmal an der Macht sind?

Eine riesige Informationslücke

Selbst in den ausgezeichneten Nachrichten der Öffentlich-Rechtlichen erfährt man dazu nahezu kein Wort. Auch die Experten in den Talkshows wissen es nicht. Sie sollten es aber wissen, die Zuschauer sollten es wissen. Erst recht sollte es die Regierung wissen, die innerhalb kürzester Zeit Entscheidungen von historischer Tragweite treffen muss. Im Frühjahr 2011 ist Deutschland jedoch völlig überrascht. Nachrichten und Talkshows geben sich redlich Mühe, doch sie schaffen es nicht, eine riesige Informationslücke zu schließen. Es ist zu spät.

Westliche Staaten mischen sich im libyschen Bürgerkrieg ein, in Bahrain, im Jemen, in Syrien schauen sie weg. Warum eigentlich? Die  Nachrichten- und Talkshowredaktionen stoßen an Grenzen. Sie kommen nicht nur zu spät, es passiert auch zu viel auf einmal. Orientierungslos stolpern Bürger, Experten, Politiker in eine Diskussion um Bündnistreue, Wahlkampftaktik, arabische Geschichte und Menschenrechte. Ihnen fehlen wichtige Hintergrundinformationen, ihnen fehlt vor allem ein klares Koordinatensystem: Was soll man von all dem halten?

Fernsehdokumentationen hätten Orientierung geben können. Sie hätten historische Hintergründe verbinden können mit persönlichen Schicksalen. Sie hätten sich kritisch mit den nordafrikanischen Despoten auseinandersetzen und der Frage nachgehen können, warum diese Despoten von der Bundesregierung so lange unterstützt wurden. Lag es am komplizierten Verhältnis zu Israel, lag es an den guten Waffengeschäften, lag es an der Angst vor dem islamischen Fundamentalismus? Die Dokumentationen hätten vor allem eines bieten können: eine Haltung. Doch diese Filme gab es nicht.

Gewinner und Verlierer wie beim Sport

Herbst 2008. Die Finanzwelt wird von einem Ereignis durcheinander gewirbelt, das Insider als Finanz-Tsunami bezeichnen. Der Kollaps von Lehmann Brothers in den USA, der Beinahe-Crash von Hypo Real Estate in Deutschland, Bankenpleiten in England, Irland, Island, hektische Rettungsaktionen der Regierungen - die Welt schaut mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination auf ihre Finanzzentren. Irgendwie scheinen in den Jahren zuvor rund um die Börsen in New York, London, Frankfurt und Tokio junge, risikogeile Menschen im großen Umfang Macht erworben zu haben - Macht über ganze Volkswirtschaften, ohne demokratische Kontrolle. Banker haben Geschäftsmodelle entwickelt, die kaum jemand versteht, sie setzen Unmengen von Geld aufs Spiel, das ihnen nicht gehört, sie leben privat in Saus und Braus, als gebe es kein Morgen.

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