1. März 2012
Man möge doch eine "Institution laufender Bestandsaufnahmen der Medienentwicklung" unter dem Namen "Stiftung Medientest" gründen. So inhaltlich vorsichtig und sprachlich blass liest man es im "Bericht zur Lage des Fernsehens", den die Mahrenholz-Kommission 1995 dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vorgelegt hat. Der Vorschlag war schon in der Kommission umstritten. Sein größter Befürworter war nach meiner Erinnerung Wolfgang Hoffmann-Riem, später Richter am Bundesverfassungsgericht. Sein größter Gegner: Ernst-Joachim Mestmäcker, später Vorsitzender der KEK.
Doch immerhin: Man hat sich am Ende verglichen. Weniger vorsichtig ging die Kritik an diesem Vorschlag zu Werk. Sie überschlug sich regelrecht im Hauen und Stechen. Sie malte das Monster einer Bundesgeschmackskammer an die Wand, die gottähnlich dekretieren werde, was ins Töpfchen und was ins Kröpfchen gehört. Sie raunte von einem Bastard aus Zensur und Materialprüfungsamt. Sie höhnte, Fernsehprogramme seien ja wohl kaum Kühlschränke. Und sie erinnerte daran, nicht völlig frei von Heuchelei, dass es Programmkritik im Übermaß schon gebe. Schließlich würden sich hunderte von Rundfunkräten um die Qualitätsfrage kümmern.
Diese Art von Kritik hat, rational bemäntelt, Ängste aufgerufen, mit denen man nicht nur in Deutschland die besten Ideen umbringen kann. Eine womöglich staatliches Gremium, das über Inhalte richtet? Hatten wir das nicht schon mal? Geschmacksdiktate - das hat uns gerade noch gefehlt! Noch eine Kontrollkongregation - wer braucht das denn wirklich? Im Lichte solcher Fehldeutungen ist der Kern des Vorschlags nie ernsthaft geprüft worden. Dabei war der sehr gesund. Angesichts einer sichtbar anschwellenden Programm-Menge lag es nahe, einen neuen Ort für Programmkritik und Programmübersicht zu finden, hoch und tief genug für dieses Quantum. Einen Ort, an dem die Debatte über TV-Qualität wirklich auf ihren vier Beinen stehen könnte: auf Unabhängigkeit und Unbefangenheit, Kompetenz und Kontinuität. Einen Ort auch, an dem alles an Informationen und Material über Programm zusammenläuft, nach Art eines auf Dauer gestellten Medienzensus. Vor allem aber: ein sicherer Platz für ein Geschäft, das nicht alleine leben kann, sondern eine kräftige institutionelle Stützung braucht.
Die Leerstelle ist um ein paar Spielfelder größer geworden
Was dem Vorschlag einer Stiftung Medientest damals entgegenschlug, war in Wahrheit ein tiefes Misstrauen gegen jedwede Art von Medienregulierung, verbunden mit der Überzeugung, dass der Markt noch immer der beste Regulierer ist. In einer Welt, in der alle Zeichen auf Deregulierung standen, kam ein solcher Vorschlag zur Unzeit.
Inzwischen wissen wir, dass der Markt nicht nur nicht alles richtet, sondern vieles einfach hinrichtet. Zum Beispiel quotenarme Nachrichtensendungen. Wir wissen, dass der Markt sich Wichtiges versagt. Man nennt das dann Marktversagen. Wir wissen - ein Blick auf das Bank(un)wesen reicht, dass Regulierung einen Kontrollwahn befriedigt, sondern im Zweifel das Schlimmste verhindert. Vor allem wissen wir nach über 20 Jahren privatem Rundfunk in Deutschland, dass Fernsehen nicht nur das pure, hehre Kulturgut ist, sondern tatsächlich eine Ware, allerdings von höchst unterschiedlicher Qualität. Eine Ware, die man nicht nur kaufen und verkaufen und bei der man sich verspekulieren kann, sondern eine Ware, die der Kunde in den überquellenden Medienregalen auch finden muss. Und schließlich glaubt heute auch niemand mehr, dass Rundfunkräte in der Lage sind, eine umfassende Qualitätsdebatte zu führen. Die findet schon deshalb kaum noch statt, weil das Hauptkriterium dieser Debatte längst Quote heißt.
Die guten Gründe für eine Stiftung Medientest haben sich nach bald zwei Jahrzehnten keineswegs überlebt. Die Leerstelle, die damals gefüllt werden sollte, ist inzwischen um ein paar Spielfelder größer geworden. Zugleich ist die Qualitätsdebatte seither noch weiter marginalisiert worden, dem dümmsten aller Argumente, dass nämlich niemand wisse, was Qualität ist. So als würden zum Beispiel bei Juryentscheidungen nur Finger in die Luft gehalten.
Der Marsch zur gefühlten Mitte ist in vollem Gange
Alle diese Gründe und Tendenzen sprechen dafür, sich endlich ernsthaft mit einer Stiftung Medientest zu befassen. Manches deutet darauf hin, dass inzwischen das Programm selbst in einer Krise steckt. Es gibt, immer wieder weggeredet, immer wieder belegbar: das Problem der Konvergenz. Die Einzelprogramme werden sich immer ähnlicher, ob sie öffentlich-rechtlicher Herkunft sind oder aus dem Geist des Marktes entstehen. Ja, ich weiß, nicht alle, aber immer mehr. Der Mainstream mahlt die Kanten ab. Der Marsch der Redakteure und Producer zur gefühlten Mitte des Publikums ist in vollem Gange. Die Macher stolpern bei diesem Volkslauf regelrecht übereinander.