"Sich mit einer Sache gemein machen? Sofort!"

von Leif Kramp und Stephan Weichert
28. Februar 2012

"Dass moralisches Unrecht schwer zu fassen ist, regt mich auf": Im Interview mit VOCER spricht Reporterin Carolin Emcke über den Unterschied zwischen Berichten aus Kriegs- und aus Krisengebieten, über Floskeln wie "unfassbar" und ihr Lieblingswort "vielleicht".

Frau Emcke, Sie haben mal in einem Artikel für das "Zeit"-Magazin geschrieben, dass das erste, was im Krieg stirbt, die Gewissheit ist - auch für den Journalisten vor Ort. Inwiefern unterscheidet sich der Einsatz in Kriegsgebieten mit dem Einsatz in Krisengebieten?

Aus meiner Sicht als Berichterstatterin vor Ort würde ich sagen, dass der erste und vorrangige Unterschied zwischen Krieg und Krise ist, dass ich im Krieg tatsächlich persönlich bedroht bin. Eine Region, die wegen einer Naturkatastrophe leidet, habe ich erstmals nach dem Erdbeben in Haiti besucht. Mir liegt das reine Berichten über  eine Naturkatastrophe nicht, weil es im ersten Moment primär um Nothilfe und weniger um Aufklärung oder Aufdeckung von Kriegsverbrechen geht. In Haiti habe ich es dann für eine Langzeitbeobachtung gemacht, die sich über ein ganzes Jahr zog. Aber es fällt mir schwerer.

Warum?

Carolin Emcke ©  Mein Eindruck ist, dass ich bei solchen Krisen eher eine Voyeursrolle einnehme. Es ist schwerer, bei Reportagen aus Gebieten, die von Naturkatastrophen heimgesucht werden, nicht in diese Position des unnützen Voyeurs gedrängt zu werden. In erster Linie braucht es dort Helfer, Mediziner, Ingenieure, nicht Journalisten. In Kriegsgebieten ist das schon anders.Bei Haiti habe ich mich darauf eingelassen, weil es mir darum ging, die politischen Prozesse danach, die Versprechen der internationalen Gemeinschaft, die Ankündigung des Nation-Building, tatsächlich zu prüfen, mit langem Atem zu beobachten, wie diese Aufbauhilfe dann in der Realität, jenseits des ersten Entsetzens und der geheuchelten Anteilnahme, aussieht.

Weshalb sind Sie ausgewiesene Kriegsreporterin geworden?

Eigentlich bin ich Philosophin und im Journalismus gelandet. An Kriegen interessieren mich mehrere Aspekte: Der eine ist der Zusammenhang zwischen Gewalt, Traumatisierung und Sprachlosigkeit, also das Opfer von langfristiger struktureller Gewalt zu sein und das Erlebte aufgrund einer tief gehenden Traumatisierung nicht beschreiben zu können. Das finde ich politisch und moralisch ein enormes Problem, weil dann, wenn die Opfer von Misshandlungen, Missachtung und Gewalt nicht mehr sprechen können, letztlich Unrecht siegt. Ich finde, das ist eine philosophisch und hermeneutisch riesige Aufgabe, mit Menschen zu sprechen, deren Geschichten unwahrscheinlich oder unverständlich klingen, und herauszufinden, was ihnen widerfahren ist.

Wenn wir zurück in die deutsche Geschichte blicken, gab es Berichte von Juden, die die ersten Vergasungen von Juden in Lastwagen beobachtet hatten und die zurück in die Dörfer kamen und sagten, was geschehen war, und viele haben es einfach nicht geglaubt - weil man es moralisch nicht glauben wollte, weil nicht der Zeuge so unglaubwürdig ist, sondern weil das Geschehen selbst so unglaubwürdig ist. Deshalb benutzen wir ja so oft diese Floskeln: unfassbar, unaussprechlich, unbegreiflich. All diese Worte, die immer wieder auftauchen, haben einen Kern, nämlich dass moralisches Unrecht schwer zu fassen ist. Und das regt mich auf. Wenn das so ist, dann empfinde ich das als riesiges Problem. Und das ist nun einer der Gründe, warum ich in diese Gegend fahre.

Wie halten Sie es im Hinblick auf Krisensituationen mit dem berühmten Zitat von Hans-Joachim Friedrichs, sich nicht gemein zu machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten?

Ich finde den Ausspruch von Friedrichs, den ich sehr verehre und auch persönlich kannte, ausgesprochen missverständlich. Und ich finde es enorm unglücklich, dass er dauernd verwandt und so als ethische Richtschnur für Journalisten ausgegeben wird. Ich glaube, dass sich der Satz einmal zunächst spezifisch auf die Rolle eines Fernseh-Anchorman bezog, was noch mal eine andere Rolle ist als die des Reporters irgendwo vor Ort. Das ist das erste. Und das andere ist, dass ich ihm sofort zustimmen würde, wenn es darum ginge, sich zum Beispiel nicht mit einer Partei gemein zu machen oder einer einzelnen Bevölkerungsgruppe oder einem Land oder einer bestimmten kollektiven Identität - aber sich mit einer Sache gemein machen: sofort. Sich nicht gemein zu machen hieße, in einer Situation, in der ich glaube, dass Kriegsverbrechen begangen werden, diese nicht zu benennen. Das wäre doch absurd. Es ist unsere Aufgabe, Unrecht auch als Unrecht zu benennen. Ich stelle mich gerne hin und sage, dass ich mich selbstverständlich mit einer Sache gemein mache: mit Menschenrechten, internationalen Verträgen und Normen.

Das heißt konkret?

Um mal ein Beispiel zu nennen: Ich habe im Kosovo-Krieg überhaupt kein Problem damit gehabt, zu benennen, wie Kosovo-Albaner aus dem Kosovo nach Mazedonien oder Albanien vertrieben wurden, und zu beschreiben, wie Menschen misshandelt, Frauen vergewaltigt wurden. Aber ich hatte auch genauso wenig Schwierigkeiten damit, anderthalb Monate später zu beschreiben, wie serbische Familien im Kosovo wiederum von Kosovo-Albanern angegriffen wurden. Die Unterstellung ist immer, dass jemand, der im Krieg eine Seite kritisiert, der jeweils anderen Seite zuzurechnen ist. Ich kann unparteiisch gegenüber konkreten Fraktionen in einem Konflikt sein und gleichzeitig kritisieren, wenn sich eine oder beide Seiten Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig machen. Ich gehöre zur Partei der Menschenrechte und der Genfer Konventionen. Insofern finde ich den Satz von Friedrichs ausgesprochen unglücklich: gemein machen mit einer Sache? Na, selbstverständlich! Wenn ich diesen Maßstab nicht hätte, dann wären die ganzen anderen Normen wie etwa Neutralität auch hinfällig.

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