In die Normalität zurückgebeamt

In die Normalität zurückgebeamt

von Johannes Kram
18. Februar 2012

Ein Bundespräsident tritt zurück, nachdem er zwei Monate, wie es die Bevölkerung und er selbst empfinden, von "den" Medien gejagt worden ist. Ein Bundespräsident, gegen den die Staatsanwaltschaft die Aufhebung seiner Immunität beantragt hat. Eine Zäsur? Eine neue Situation mit neuen Fragen, neuen Antworten? Oder vielleicht erstmal gar keinen?

Im Gegenteil. Wulffs Rücktritt hat den Politik- und Medienbetrieb in Sekundenschnelle aus einer mehrwöchigen Sonderfahrt in die Normalität zurückgebeamt. Die erste Frage bei Phoenix war die, wie man diese Rücktrittserklärung denn einzuordnen habe. Die zweite die nach seinem Nachfolger. Was eine rhetorische beziehungsweise rein rituelle Frage ist. Jeder weiß, welches Spiel jetzt begonnen hat, und dass das Namennennen, Namennichtnennenwollen nichts anderes ist als das Runterbeten eines Rosenkranzes. Oder das Abfeiern eines alten Trinkspiels. Und es funktioniert. Blind. Vor dem Fernseher kann man die Augen zumachen, und bis drei zählen, dann sagt wirklich einer "Heiner Geißler" und der nächste andere "geht nicht", der nächste Name, "ich möchte jetzt niemand verbrennen", ja, danke, weiter.

Die Journalisten, die Experten, sie stehen dort am Panel, das eine Theke ist. Jeder an seinem Stammplatz. Es dauert nur kurz, bis das Motto zum Weiterzechen gefunden ist: Der "gemeinsame Kandidat" heißt die Losung! Der muss jetzt her, jawoll, und schon ist man bei wer mit wem jetzt und wie. Auch Angela Merkel weiß natürlich, dass der "gemeinsame Kandidat" das Stückchen Zucker ist, das sie jetzt werfen muss. Wer einen hochprozentigen Korn mit einem Zuckerstück trinkt, soll ja am nächsten Morgen keinen Kater haben. Dreißig Minuten nach Wulff: die Kanzlerin live, sie hat verstanden, kurz darauf, ebenfalls live, die Grünen: wir auch! Sie sagen "keine parteipolitischen Spielchen!", Elmar Theveßen, ZDF, außerdem Terrorexperte, sagt: "keine parteipolitischen Spielchen!", so heißt das Lieblingsspiel, das immer dann gespielt wird, wenn man den Bürgern sagen möchte: Bitte nicht aufregen, diesmal tun wir es nur für die Sache. Ehrlich! Polit-Berlin atmet auf. Endlich gelten wieder die alten Spielregeln.

Beseelt, fast schon beglückt

Berlin Mitte kehrt aus den unendlichen Weiten zurück, in denen es sich verirrt hatte in dieser Wulff-Sache, in der nichts mehr zu stimmten schien. Ein Zurückgetretener, der nicht zurücktreten wollte, die "Bild"-Zeitung als journalistischer Leuchtturm, Leser, Zuschauer und Wähler, die zwar verstehen, dass es da ein Problem gibt mit Wulff, aber nicht, wo denn da das Problem sein soll, denn so machen es doch alle, die Politiker. Und die Medien sowieso.

Am Rücktrittstag, dem Tag, der den Tiefpunkt der Politik- und Medienverachtung markieren könnte, fühlen sich Politik und Medien endlich wieder im Lot. Wolfgang Kubicki von der FDP sagt, Hauptsache eine schnelle Lösung, und Gauck sei doch so etwas wie ein gemeinsamer Präsident. Das findet die Panel-Mannschaft auch. Cem Özdemir findet, er muss sagen, dass es sich nicht um eine Krise von Parteien und Politik handele. Im ZDF fragt Theo Koll eine Kollegin, die vor dem Schloss Bellevue steht, wie lange die Wulffs denn da jetzt noch wohnen dürfen. Er lächelt, wirkt beseelt, fast schon beglückt darüber, dass er wieder Fragen  stellen kann, die man beantworten kann. Hatten wir schließlich schon, so etwas. Gottseidank.