"Journalismus ohne Mut ist etwas ganz Trauriges"

von Ulrike Langer und Stephan Weichert
20. Februar 2012

Wer Geld verdienen will, muss etwas verkaufen: Im Interview mit VOCER spricht "Freitag"-Verleger Jakob Augstein über Finanzierungsmodelle des Journalismus, die App-Begeisterung der Presseverlage und über Medien-Türhüter, die man nicht im Internet trifft.

Herr Augstein, in Ihrer Funktion als Verleger des "Freitags", aber auch in der Rolle als Journalist: Wie sehen Sie die Zukunft des Journalismus? Wo geht es hin?

Ich kann mir vorstellen, dass die Zukunft drei sehr verschiedenen institutionellen Modellen gehören wird. Das ist einmal der klassische Verlag mit einem Produkt, das sich durch den Verkauf von Inhalten über Print und Netz und durch Anzeigen oder sonstige Geschäfte finanziert. Zweitens das unabhängige Fringe-Produkt, das nur wenig Leser erreicht und in Selbstausbeutung entsteht. Die dritte Variante werden stiftungsfinanzierte journalistische Ergänzungsinstitutionen sein, die Teile der Aufgaben wahrnehmen, die von den etablierten Medien nicht mehr wahrgenommen werden.

Jakob AugsteinDas klassische Verlags- und Pressesystem wird also auch in Zukunft Bestand haben?

Wenn man Geld verdienen will, muss man etwas verkaufen. Ich glaube, Anzeigenplatz zu verkaufen, ist sehr schwer, und nennenswerte Bezahlerlöse im Internet zu generieren, ist es ebenfalls. Der Verkauf einer Papierzeitung ist aber durchaus noch ein Geschäft, das funktioniert. Sowohl für die etablierten Titel als auch für Neugründungen. Wahrscheinlich wird es noch schwieriger als früher, große Titel in den Markt zu bringen. Aber kleine und mittlere Titel für klare Zielgruppen, das kann durchaus noch  funktionieren. Das ist auch die Idee hinter dem "Freitag".

Was ist mit dem Modell der Stiftung?

Gibt es relevante stiftungsfinanzierte Medien in Deutschland? Wir haben eine sehr gut funktionierende Medien- und Presselandschaft, auch wenn die Verlage große Panikstimmung verbreiten. Wenn man ehrlich ist, geht es den Verlagen doch gar nicht so schlecht.

Der "Freitag" positioniert sich in vielen Fragen anders als andere Verlage, zum Beispiel beim Streit um die "Tagesschau"-App. Sie haben schon angedeutet: Es geht gar nicht genau um diese eine App. Was steckt Ihrer Meinung nach wirklich dahinter?

Wenn man so klein ist wie wir, fällt es auch leichter, sich unabhängiger zu positionieren. Die Verlage haben die Geburt des Internets verschlafen. Sie haben nicht reagiert, als ihnen die Stellenanzeigen weggebrochen sind. Sie haben nicht reagiert, als ihnen die Immobilienanzeigen weggebrochen sind. Sie haben nicht reagiert, als die Marktführer "Spiegel" und Springer ihre Position im Internet auf- und ausgebaut haben. Jetzt ist das Internet an einer Kreuzung angekommen und wird den Weg ins Bezahlnetz nehmen. Apple will aus dem Netz eine geschlossene Benutzeroberfläche machen, die besser zu kontrollieren ist als das World Wide Web. Und diese Kontrolle kann nun wieder von großen Institutionen ausgeübt werden. Das Internet der Zukunft ist nicht mehr dezentral und gleichrangig, sondern wird von den großen Institutionen und Marken geprägt sein. Und die Verlage wollen diesmal rechtzeitig dabei sein, wenn es darum geht, im Netz Geld zu verdienen.

Deshalb auch das App-Fieber?

Ja klar, die App ist der Traum des Verlegers, weil sie ein geschlossenes Produkt ist, das einen Anfang und ein Ende hat, und der Inhalt dazwischen lässt sich kontrollieren. Man kann wieder Autos und Kosmetikprodukte und Reise zusammenbinden, wie in der Zeitung, und aus diesen Branchen Anzeigenkunden gewinnen. Darin liegt ja das Problem des Netzes: Wer sich für Autos interessiert, muss sich nicht mehr mit den Kosmetika herumschlagen.

Von wo gehen Ihrer Meinung nach die stärksten Impulse aus, um den Journalismus zu innovieren? Ist das der technische Bereich oder eher die Redaktion?

Ich denke, es ist die Technik. Es geht gegenwärtig darum: Wie komme ich an die Informationen ran, wie mache ich aus ihnen Sinn, und wie präsentiere ich sie? Diese drei Fragen sind primär technische Fragen. Dafür braucht man Leute, die das können. Es wird also eine neue Art von Journalisten entstehen, sogenannte Data-Journalisten, die keineswegs zu den Hungerlöhnen arbeiten werden wie die Leute, die jetzt auf dem freien Markt unterwegs sind. Sondern Leute, die ein neues Handwerk beherrschen und wie Programmierer denken. Das ist natürlich ein Problem für kleine und mittlere Häuser: Guter Datenjournalismus ist sehr teuer.

Simon Rogers, Datenchef des "Guardian" sagt, es sei nicht vorrangig eine Frage des Geldes, sondern eine Frage des Umdenkens.  Glauben Sie, dass Innovationen zu lange brauchen, bis sie in den Köpfen von Journalisten ankommen?

Na ja, der "Guardian" ist sehr groß, und von weit oben sehen auch große Summen klein aus. Aber ich finde, Rogers hat Recht: Journalisten sind es gewohnt, Dinge auseinander zu nehmen, betreffen die Veränderungen aber sie selbst, reagieren sie wie alle anderen Menschen und fühlen sich bedroht. Sie richten dann ihr ganzes kritisches Potential gegen diese Veränderungen. Der  Berufsstand ist eher schwerfällig in der Selbstreformierung.

In Anbetracht dessen, dass mehr Leute mit Programmierkenntnissen benötigt werden, brauchen wir die Journalisten noch?

Journalismus dient der Herrschaftskontrolle, und die braucht man immer.  Ob man viele Journalisten braucht, weiß ich nicht. Teile des Auto-, Sport-, Mode-, Reisejournalismus kommen ja weitgehend ohne Herrschaftskritik aus. Insofern sind wir da auch Opfer der Begriffe. Qualitätsjournalismus, investigativer Journalismus: Was meinen wir damit eigentlich? Ich gehöre auch nicht zu denen, die meinen, früher sei alles besser gewesen und künftig müsse es schlechter werden. In den letzten Jahren konnten wir eine explosionsartige Vermehrung der Titel beobachten. Für die Verlage war das weniger gut, weil die durchschnittlichen Renditen gesunken sind. Aber unheimlich viele Leute konnten Journalist werden. Dann gab es die Entwicklung, dass der PR-Bereich gewachsen ist und man das Gefühl hatte, PR wird plötzlich wichtiger als Journalismus. Jetzt sagen alle: Die Zukunft wird prekär, weil keine festbezahlten Jobs mehr da sind.

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Ja, irgendein Zeitalter ist immer gerade.