17. Februar 2012
Jörg Pilawa hat als Gottschalk-Nachfolger für "Wetten, dass…?!" abgesagt. Wie oft wollen wir das wissen? Ein Mal, durchaus, aber jede Woche wieder? "Dschungelcamp" schlägt "DSDS", "Unser Star für Baku" versagt gegen den "Letzten Bullen" - morgen schon kann es umgekehrt sein.
Wen interessiert all das, außer die Programmmacher selbst, die es in ihrem hausinternen Quotenranking lesen können? Die Auflage der "BamS" verliert, die von "Landlust" steigt, Facebook hat ein neues Datenschutzproblem, die Erklärungen sind die alten. Werbung erholt sich, ein bisschen mehr online, dafür weniger Einnahmen. Und weiter? Die entscheidende Frage ist: Cui bono? Für wen schreibt und sendet der Medienjournalismus?
Immer gerne für die eigene Branche. Die interessiert sich für den Chefredakteurswechsel, die abstürzende Quote, das neue Radiokonzept, die skurrilste App. Dafür gibt es Fachdienste und -magazine, von "epd medien" über "kress report" bis "Meedia". Wer nicht auf das gedruckte Objekt hinschreiben und -warten muss, sondern online aktiv ist, verfällt gerne mal in Schnappatmung bei Gottschalk-Quoten, sich schlecht verkaufenden "Focus"-Titeln oder ausnahmsweise gelungenen Werbespots. Die Sonder- und Blitzausgaben verstopfen den Maileingang.
Ist das Medienjournalismus? Teilweise. Fundierte Analysen neben kaum umgeschriebenen Pressemitteilungen, interessante Portraits neben wilden Personalia-Spekulationen, amüsante Sendekritik neben hochgejazzten TV-Formaten. So ist er, der Branchenjournalismus, den brauchen wir, intern, und sortieren aus.
Selbstbespiegelung
Wenn solche Insidergeschichten ins Blatt wandern oder über den Sender gehen - in der ARD gibt es neben der TV-Sendung "Zapp" rund ein halbes Dutzend Hörfunk-Medienmagazine - dann wird es für den normalen Leser, Hörer, Zuschauer schwierig. Aber die Branche erfährt einmal wieder, dass in der "SZ"-Redaktion ehemalige "Spiegel"-Redakteure sitzen, denen die Personalquerelen in Hamburg noch sehr vertraut sind, dass dem "FAZ"-Kollegen der 23. Entwurf des 17. Rundfunkänderungsstaatsvertrages zugesteckt wurde, dessen drittes Komma im zweiten Absatz Schlimmes befürchten lässt. Und die Rundfunkkollegen haben mit dem Experten gesprochen, der länglich und breit Allgemeinplätze von sich gibt, und die WDR-Intendantin sagt das, was jede Intendantin halt so sagt: bloß nichts Selbstkritisches.
Ist das Medienjournalismus? Nein, das ist Selbstbespiegelung und Kommunikation nach innen, in die Branche, ins eigene Unternehmen: Schaut her, so gut sind meine Kontakte! Die "FAS" nennt das wenigstens selbstironisch "Die lieben Kollegen" und beschränkt es auf kleine, meist feine Anwürfe, die wirklich nur Insider nachvollziehen können. Macht halt auch Spaß, andere hochzunehmen.
Aufklärung
Worüber soll, worüber muss ernstzunehmender Medienjournalismus berichten, der sich nicht nach innen, sondern nach außen richtet? Er muss dem interessierten Mediennutzer Zusammenhänge deutlich machen, damit er Medien bewusster wahrnimmt, anders konsumiert, kritischer, aber auch mit mehr Vergnügen: Welche Absichten verfolgen Murdoch oder Zuckerberg? Was passiert hinter den Gütersloher Kulissen bei Bertelsmann, wohin zieht es das ZDF in der Nach-Schächter-Ära? Wo verläuft die Trennung zwischen Information und Werbung, und immer wieder: Was passiert mit meinen Daten im Internet?
Findet der Mediennutzer solche Berichte? Ja, auf den wenigen verbliebenen Medienseiten der Tages- und Wochenpresse, in den ARD-Mediensendungen - das ZDF hat sich aus der Medienkritik leider längst verabschiedet -, aber auch quer durch alle Ressorts, in Politik, Wirtschaft, Kultur, Digitales, Jugend, Buntes. Daneben haben auch unterhaltsame Geschichten um Gottschalk, Jauch und Co. ihren Platz. Sendungen ankündigen oder kritisieren oder neue Zeitschriftenformate vorstellen, das kann man natürlich auch, denn das interessiert die Leser. Aber es gehört zum Service oder zum Feuilleton, nicht zur klassischen Medienkritik. Und auf den Nachdruck von Pressemitteilungen, um Platz zu füllen, sollte man verzichten - den kann man besser nutzen.