Die Medien als Richter?

Die Medien als Richter?

von Volker Boehme-Neßler
15. Februar 2012

Schuldig! Die (Boulevard)Medien und die Öffentlichkeit sind schnell mit ihrem Urteil, wenn ein spektakuläres Verbrechen bekannt wird. Zweifel kennen sie kaum. Gerichte brauchen viel länger. Und ihre Urteile sind oft völlig anders als die Vorurteile der Öffentlichkeit und der Medien. Kein Wunder also, dass das Verhältnis zwischen Medien und Justiz schwierig und konfliktträchtig ist. Reiches Anschauungsmaterial dafür boten zuletzt die Justizverfahren gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann und den französischen Politiker und Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn.

Bemerkenswert war in beiden Verfahren weniger die exzessive und emotionale Berichterstattung. In der modernen Demokratie ist die Justiz eine öffentliche Justiz, die Medien müssen die Justiz beobachten und kontrollieren. In der modernen Demokratie.

Problematisch war im Grunde vor allem etwas anderes: Große Teile der Medien beschränkten sich nicht auf die Rolle der Beobachter. Sie ergriffen aktiv Partei und übernahmen ureigene Aufgaben der Justiz. Sie bewerteten Aussagen von Zeugen, sie spürten neue Zeugen auf und ließen sie ausführlich zu Wort kommen. Sie diskutierten öffentlich den Inhalt der Ermittlungsakten, der aus guten Gründen eigentlich vertraulich ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Medien machten die Öffentlichkeit zum Gerichtssaal. Und sprachen ein Urteil, lange bevor die Gerichte ihres gefunden hatten. (Mehr dazu auch in der VOCER-Kolumne "Fünfte Gewalt." des Rechtsanwalts Ralf Höcker.)

Aber ist das ein Problem? Die Öffentlichkeit als Richter - ist das nicht der Normalfall in der Mediengesellschaft? Muss die Justiz nicht vielleicht damit leben, dass sie - wie andere Bereiche der Gesellschaft auch - von den Medien dominiert wird? Und nicht nur damit leben, sondern vor allem lernen damit umzugehen. Die Medien werden sich nicht ändern.

Medien-Logik vs. Justiz-Logik

Justiz und Medien verfolgen unterschiedliche Ziele und gehorchen verschiedenen Funktionslogiken. Medien - und besonders Boulevardmedien - müssen sich in einem harten wirtschaftlichen Wettbewerb behaupten. Vor diesem ökonomischen Hintergrund ist eindeutig, um was es Medien (auch) geht - und gehen muss: Sie müssen Aufmerksamkeit erregen. Aufmerksamkeit der Leser oder Konsumenten garantiert Auflage und Quote und generiert Einnahmen. Personen, Geschichten, Konflikte, Dramen und Skandale stehen deshalb im Mittelpunkt der Medienberichterstattung. Es sind vor allem Emotionen, die Aufmerksamkeit garantieren.

Die Logik der Justiz ist völlig anders. Sie muss schwer durchschaubare, nicht selten bewusst verschleierte Taten aufklären. Sie muss versuchen, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen und Rechtsfrieden herzustellen. Sie braucht dazu kein Drama, keine spektakulären Gefühle und keine Aufmerksamkeit. Sie braucht, im Gegenteil, Ruhe und Zeit. Richter, Staatsanwälte und andere Justizbedienstete versuchenakribisch, konzentriert und in aller Ruhe Fakten zu sammeln, Details zu eruieren und daraus ein Bild des tatsächlichen Geschehens zu gewinnen. Erst dann wird eine Entscheidung getroffen und ein Urteil verkündet.

<< < 1 2 3 > >>