11. Februar 2012
Es ist merkwürdig ruhig geworden um die Journalistenausbildung. Vereinzelte Versuche, beispielsweise durch Positionspapiere eine kritische Ausbildungsdebatte anzuregen, enden im allgemeinen, aber folgenlosen Kopfnicken - und danach in diversen Schubläden.
Podiumsdiskussionen zu Ausbildungsfragen können noch so konfliktträchtige Titel haben - sie führen, zumal bei jungem Publikum, nach wenigen Minuten in die Berufsberatung ("Wie werde ich Journalist?") oder, unter Wissenschaftlern, gerne zum rivalisierenden Hickhack zwischen Unis und Fachhochschulen. Und Buchautoren konzentrieren sich auf den (durchaus verdienstvollen) Service, den unübersichtlichen Ausbildungsmarkt neutral-ordnend zu beschreiben, um Berufsaspiranten den Einstieg zu erleichtern.
Vorbei die hitzige Auseinandersetzung zwischen Wissenschaftlern, Journalisten, Ausbildern und Berufsorganisationen um den besten Weg in den Journalismus, um die Ausbildung heute für die Medien(macher) von morgen. Der Ausbildungsdiskurs gerät zur Randnotiz, zum Unterfall der Qualitätsdebatte.
Ein angemessener Platz angesichts der bunten Vielfalt von Ausbildungswegen, -orten und -möglichkeiten?
Wetteifern der Institute
Durch diese Vielfalt unterscheidet sich die aktuelle Situation schließlich diametral von jener, die den Höhepunkt der Debatte über Ausbildung im Journalismus prägte. Damals, Anfang/Mitte der siebziger Jahre, gab es gerade mal zwei Journalistenschulen (in München und Köln), zwei überbetriebliche Weiterbildungsstätten (in Hagen und Hamburg) und ein halbes Dutzend Publizistik-Studiengänge, in deren Lehrplänen Journalismus auftauchte. Journalistenausbildung - das war gleichbedeutend mit der zweijährigen Anlernzeit in Zeitungen und Zeitschriften, "Volontariat" genannt.
Heute wetteifern bundesweit gut hundert Studiengänge darum, den hoffnungsvollen Nachwuchs in journalistische Arbeitsbereiche zu führen. Jeder große Verlag schmückt sich mit einer eigenen Journalistenakademie, die zudem Weiterbildung im Programm führt. Verlegerverbände, Gewerkschaften, Kirchen, (politische) Stiftungen, private Vereine, kommerzielle Institute und Privatpersonen bieten journalistische Bildungsarbeit.
Die Rundfunkanstalten werben ihren Nachwuchs nicht mehr von der Presse ab, sondern bilden selbst aus. Zeitungen und Zeitschriften stellen zwar mit ihren Volontariaten immer noch den Hauptzugangsweg in den Journalismus, aber zumindest kennen sie inzwischen gemeinsame Mindeststandards, vereinbart in Ausbildungstarifverträgen. Und haben es mit Volontären (mehr noch mit Volontärinnen) zu tun, die durch jahrelange freie Mitarbeit, durch Praktika, durch einschlägige akademische Vorbildung bereits erfahren sind.
Blühende Ausbildungslandschaften also, scheinbar alles im grünen Bereich. Zumal ganz andere Probleme unsere Aufmerksamkeit beanspruchen: Medienkrisen, unsichere Finanzierungsstrukturen vor allem von Zeitungen und Zeitschriften, prekärer werdende Arbeitsbedingungen, die Herausforderungen der digitalen Gegenwart und Zukunft, die veränderten Informationsgewohnheiten, die hektische Suche nach tragfähigen Konzepten für bezahlten und bezahlbaren Journalismus von morgen.
Was, Warum und Wozu
Wenn angesichts dieser Probleme noch über Ausbildung diskutiert wird, dann über Cross- und Multimedialität als Zauberformel und oberstes Lernziel für die Medienlandschaft von heute bis übermorgen. Diese eher praktische Komponente der Ausbildung, die Frage nach dem Wie und Wo der Kommunikation, gewinnt deutlich Oberhand gegenüber dem Was, Warum und Wozu.
Erinnern wir also ganz altmodisch daran, dass es - wie vor 40 Jahren herausgearbeitet - in der Ausbildung um die gesellschaftliche Funktion von Journalismus geht, um das systematische Erlernen von Fach-, Sach- und Vermittlungskompetenzen, um journalistische Ethik und Haltung. Dass Ausbildung nicht ausschließlich darauf gerichtet sein sollte, in der Praxis stromlinienförmig zu funktionieren, sondern dass diese Praxis zugleich kritisch reflektiert und um Alternativen erweitert wird. Wie steht es unter diesem Aspekt um die Journalistenausbildung?
Das zweijährige Volontariat in Redaktionen bleibt der Hauptzugangsweg und setzt in der Regel einen Hochschulabschluss, jahrelange freie Mitarbeit und/oder den Besuch einer Journalistenschule voraus. Ausgebildet wird wie in der alten "Bleizeit", nur erweitert um digitale Arbeitsprozesse: Das Volontariat besteht zum weitaus größten Teil aus learning by doing, aus rein praktischer Redaktionsarbeit. Der organisierte Erfahrungsaustausch sowie Umfragen unter Volontären ergeben, dass selbst die Mindeststandards des Ausbildungstarifs (überbetriebliche Schulungen, interne Seminare, Praktika in anderen Medien, systematische Ausbildungsbegleitung) nicht überall eingehalten werden. Das Volontariat bildet nach wie vor das Nadelöhr, obwohl es immer seltener in einem festen Redakteursverhältnis endet, sondern in der freien Mitarbeit oder in Zeit- und Pauschalverträgen.
Journalistenschulen bleiben ein anerkannter Weg
Die überbetrieblichen Bildungsinstitute, die Volontärskurse und Weiterbildungsseminare anbieten, sind in den Strudel der Medienkrise und der personellen Einsparungen geraten. Geringere Volontärszahlen, verlagseigene Schulungsaktivitäten, der Rückzug der Verbände aus einzelnen Bildungsträgern, die wenig ausgeprägte Weiterbildungskultur in den Medienbetrieben sowie die rückläufige öffentliche Förderung haben diese Angebote reduziert und zu einem Verlust von bewährter Kompetenz geführt. Die verbliebenen Bildungseinrichtungen stehen in Konkurrenz zueinander, wobei die unterschiedlichen Finanzierungsgrundlagen (z.B. Stiftungen oder freie Trägerschaft) diesen Wettbewerb beeinflussen.