7. Februar 2012
"Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren!" Ansgar Heveling, Mitglied der Enquête-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Bundestages, muss ganz in seinem Element gewesen sein. "Es stellt sich nur die Frage, wie viel digitales Blut bis dahin vergossen wird!" Das ist natürlich eine famose Steilvorlage und eine nahezu unwiderstehliche Kriegserklärung. Wer immer mag und dem Internet halbwegs wohlgesonnen ist, war durch diese Worte eingeladen, sich angegriffen zu fühlen. Hevelings Gastbeitrag im "Handelsblatt" fährt schwere Geschütze auf und aktiviert in bewährter "Das wird man doch wohl sagen dürfen"-Rhetorik bereitliegende Ressentiments.
Es ist schwer, da nicht reflexhaft in Frontalstellung zu gehen. Dennoch plädiere ich dafür, der Versuchung zu widerstehen und sich durch die Provokation nicht von den eigentlichen Fragen abbringen zu lassen. Denn wer Heveling jetzt "Nein, wir werden den Kampf nicht verlieren!" entgegnet, sagt auch: "Ja, es gibt einen Kampf" - und ist schon in die Falle getappt.
Widersteht den Scheingefechten
Die Frage, die sich stellt, ist nämlich nicht: Hat jemand wie Heveling Recht mit dem, was er sagt? Sondern: Möchten wir da einen Graben haben, wo er und viele andere vor ihm ihn ziehen? Möchten wir diesen Kampf zwischen alten und neuen Medien? Möchten wir eine Grenze ziehen zwischen normalem und digitalem Lebensraum? Verbindet Onliner und Offliner wirklich nichts? Kann man nicht internetaffin und zugleich bibliophil sein?
Das Slow Media Manifest ist vor zwei Jahren aus Unmut über genau diese unfruchtbare Auseinandersetzung entstanden, zwischen Print und Online, zwischen echter und digitaler Welt, zwischen traditionellen und neu entstehenden Kulturmustern, zwischen alten und neuen Geschäftsmodellen. Schon damals beherrschten Klischees die Debatte: das der Qualität im Print und des Schrott im Internet auf der einen Seite. Auf der anderen Seite das Klischee der Überlegenheit des Digitalen über jedes Totholzmedium verbunden mit unreflektiertem Fortschrittsglauben.
Mit dem Slow-Media-Ansatz schlugen Benedikt Köhler, Jörg Blumtritt und ich vor, diese Fronten hinter uns zu lassen und einen dritten, konstruktiven und lösungsorientierten Weg zu gehen. Niemand käme auf die Idee, einen Essay von Hannah Arendt mit einem pharmafinanzierten Artikel aus der Regenbogenpresse zu vergleichen, nur weil beides auf Papier gedruckt ist. Mit unserem medienübergreifenden Ansatz im Slow Media Manifest verlangen wir dieselbe Differenzierung auch für digitale Medien.
Wir definierten in 14 Thesen Qualitäts-Kriterien wie Gesprächsbereitschaft, Diskursivität, Inspiration und den Aufbau nachhaltiger Bindung, die unabhängig vom Trägermedium anwendbar sind und zugleich in den Kern des Medienwandels treffen. In viele Sprachen übersetzt wandert das Manifest seither durch die Kontinente, offenbar selbst ein gutes Beispiel für die Anregung von Gesprächen. Es kursiert in der Buchbranche und wird aus dem Blickwinkel des Buches debattiert. Online-Portale für den Mediendiskurs - wie VOCER, in dem dieser Beitrag erscheint - haben sich der Philosophie angenommen und fühlen sich ihr verpflichtet. Das Manifest wird auf Russisch ("Медленные медиа Манифест") gelesen, in China, und in amerikanischen Universitäten unterrichtet. Medien- und Landesgrenzen hat der Slow-Media-Diskurs also mehrfach überschritten und zeigt weltweit den Wunsch nach neuen, unideologischen Denkansätzen.