6. Februar 2012
Als das Magazin "Tempo" Mitte der achtziger Jahre gegründet wurde, lag eine neue publizistische Grundidee in der Luft, ein Kunstgriff, der später auch dem "SZ Magazin" eine unverwechselbare Handschrift geben sollte: Kluge Köpfe schreiben über Gummibärchen genauso wie über Helmut Kohl, Hollywood, Kalaschnikows, verschmutzte Meere, das Sexleben von Tauben, Gucci, Pop und Politik.
Dies sollte zehn Jahre später das Hirnfutter für eine neue Generation von Lesern liefern: die popkulturellen Nerds, die ihre Privatwelten zum ganz grossen Universum erklärten und bald mit der totalen Selbstanalyse des realen und medialen Alltags die Macht der Bloggersphäre und Social Networks begründeten.
Den Etablierten gab das natürlich schwer zu denken. Bald übernahmen "Bild", "Spiegel", "FAZ" und die vielen anderen auch dank der Mithilfe ehemaliger "Tempo"-Macher und -Bewunderer den "Tempo"- Kunstgriff und etablierten ihn in ihren Publikationen. Das Geheimnis des Erfolgs waren einmal mehr die alten Dada-Gefechte um das lustig aufgeblasene Nichts oder das absurd kleine Detail, das bloß wirkungsvoll inszeniert werden musste. Dabei ist das Produkt oder der Stoff natürlich nie so wichtig wie das Image des Produkts oder des Stoffes.
Es geht bei dieser publizistischen Grundidee immer darum, dass das Image wie die Fahne des Eroberers überall aufgepflanzt ist, wo jemandes Blick hinfallen kann. Das hatten die besten "Tempo"-Autoren immer gnadenlos gut kapiert. Heute kapieren es auch Zehnjährige und die Großeltern auf Facebook.
Illusionismus, 20 Jahre später
Wir sind in die vom Schein beherrschte Welt der Postmoderne hineingeboren worden, deren bestimmendes Element die Show ist. In der Show gibt es keine Wahrheit, sondern Effekte. Je brillanter die Show ist, umso überzeugender ist sie gelungen und desto begeisterter werden die Leser- und Zuschauermassen sein. Selbst die vorsichtigsten Journalisten renommierter Zeitungen begannen in den Neunzigern, Teile dieser Idee zu übernehmen - die Zauberei, den Illusionismus, die herablassende Coolness, die moralisierende Ironie, das Pop-Element, das wird heute von "Spiegel Online", von der "Weltwoche" bis zum "Böblinger Tagblatt" beherrscht. Bloß verkauft man es ein bisschen pseudoseriöser. Zurückhaltender.
Dem "Spiegel" gegenüber hatte ich mal kurz nach dem Skandal von einer "Implosion des Realen" gesprochen - natürlich unter schwerem öffentlichen Druck, eine Stellungnahme abzugeben, irgendwann nach Mitternacht, Pacific Time am Telefon. Das klang gut, aber ich hätte wissen sollen, dass das als Entschuldigung nicht ausreicht.

Dass ich die Wahrheit sagte, darauf kam niemand: Meine journalistische Erfahrung war immer die, dass mit dem Auftauchen von Journalisten die Wirklichkeit implodiert. Ich habe das immer wieder gesehen, ob in der Wartestellung auf den ersten Golfkrieg im Intercontinental-Hotel von Amman, wo die Wirklichkeit von isolierten Journalisten choreographiert wurde. Oder in den Armenvierteln von Lima, wo ich für "Tempo" über die Auswirkungen der Cholera recherchiert habe und die Familien beim Auftauchen meiner Fotografin ihre Hütten zu säubern begannen und sich frische Kleider anzogen und lächelten und lächelten und lächelten. Erst als die Fotografin während zwei Stunden vielleicht vierhundertmal ihre Kamera auf die Opfer abgefeuert hat, bekam sie endlich das gnadenlose Bild, das die Bildredaktion gefordert hat.
Objektivität ist genauso wie Wahrheit und Wirklichkeit in den Medien ein reiner Mythos. Ich finde, Journalismus kann nur dann Vertrauen zurückgewinnen, wenn die Macher ihren Lesern gegenüber ganz offen zugeben, dass es beim Informationsauftrag, neben der reinen Informationsbeschaffung, um total differierende Wirklichkeitsentwürfe geht.
Die neuen Heilsbringer unter den Chefredakteuren, denen die Krise und das neue Sicherheitsdenken natürlich gut ins Konzept passen, Leute wie zum Beispiel mein Ex-Kollege und Förderer Roger Köppel bei der "Weltwoche" versuchen ja mit jedem Trick, das Konzept der Objektivität zu rehabilitieren. Mit dem alten Verweis auf angelsächsische Tugenden definiert so jemand Objektivität natürlich nicht als Ritual, als Inszenierung oder als reine Konstruktion - wie noch zu Zeiten, als er meine Storys auf die Titelseite setzte -, sondern als Zuschreibung von Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit für erfolgreiche Informationen. Mit solchen Strategien wird heute um das verloren geglaubte Vertrauen gebettelt und nebenbei der Leser hinters Licht geführt.
Das System Journalismus ist längst ausgefranst. Und Köppel versucht sich als Borderline-Provokateur, indem er eine rechtskonservative Position inszeniert, weil das heute am meisten Quote verspricht.