3. Februar 2012
Auf dem Höhepunkt der Aufregung um Christian Wulffs Verhältnis zur Wahrheit und zu den Medien machte unter Journalisten eine Wette die Runde: Tritt der Bundespräsident zurück, ja oder nein? Die Lager spalteten sich. Klar war aber: Am 13. Januar würde die Entscheidung gefallen sein. Warum ausgerechnet am Freitag, den 13.? Weil das der Start-Tag des RTL-Dschungelcamps war.
Die Frist ist längst abgelaufen, Brigitte Nielsen Dschungelkönigin und Christian Wulff noch im Schloss Bellevue. Doch die Wett-Anekdote verdeutlicht, wie Agenda-Setting in unserer heutigen Mediengesellschaft funktioniert. Denn es stimmte: Mit dem Start des RTL-Formats "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!" geriet die Wulff-Berichterstattung in den Hintergrund.
Bestimmendes Medienthema - sei es bei den DuMont-Blättern, der "Bild"-Zeitung, "Spiegel Online" oder dem Branchendienst "Meedia" - waren die elf Protagonisten der Freilicht-Realityshow im australischen Regenwald. Und seien wir ehrlich: So mancher Rezipient wird einen erleichterten Seufzer von sich gegeben haben, als die Wulfferei nachließ. Untergegangen in der ungeheuren Berichterstattungswoge rund um den Bundespräsidenten und sein mediales Gebaren waren allerdings die wenigen selbstkritischen Denkanstöße zur Macht und Ohnmacht der Medien.
Nicht nur die Causa Wulff zeigt es, auch die mangelnde Aufarbeitung der medialen Rolle bei Ereignissen wie Fukushima, der Erschießung von Osama bin Laden, dem Rücktritt und Comeback-Versuch von Karl-Theodor zu Guttenberg: Der deutsche Medienjournalismus krankt an seiner eigenen Oberflächlichkeit.
Eine schwierige Disziplin
Als Meta-Journalismus müsste er sich eigentlich herausziehen, unbequeme Wahrheiten aussprechen und dem Aktualitätsdruck sein eigenes Tempo entgegensetzen. Doch das gelingt nur an wenigen Stellen. Obwohl der technische Fortschritt die Grenzen des Medienjournalismus, etwa was den verfügbaren Platz oder die mögliche Reichweite betrifft, enorm erweitert hat, schlägt sich die Disziplin oft noch mit den gleichen Problemen herum wie vor zehn Jahren. Dabei ist ein sichtbarer, ernst zu nehmender Medienjournalismus, der auch über die Medienbranche hinaus wahrgenommen wird, ein wichtiges Indiz für eine funktionierende Presselandschaft.
Was genau ist es, das den Medienjournalismus davon abhält, diese Rolle adäquat auszufüllen? Eine Reihe von Faktoren macht diese Disziplin so schwierig:
Medienjournalismus ist Teil des Systems. In der Zeit der Durchökonomisierung journalistischer Produkte kann auch er sich nicht erlauben, am Publikum vorbeizuschreiben oder zu senden. Nur wenige medienjournalistische Publikationen sind in der luxuriösen Lage, fern von jeglichem wirtschaftlichen Druck und frei vom Verdacht irgendeiner Voreingenommenheit zu arbeiten. Eine breite Masse erreichen solche Angebote leider oft nicht.