1. Februar 2012
Seit der Pleite der Lehmann-Brothers im Jahr 2008 ist kein Tag vergangen ohne Berichte über Finanz-, Banken-, Immobilien-, Wirtschafts- oder Eurokrise, diverse Rettungsgipfel, Sparmaßnahmen und die Kritik an alldem. Was haben wir seitdem verstanden? Könnten wir erklären, wie Finanzmärkte funktionieren oder einzelne fiskalpolitische Instrumente?
Das alles sei auch für Experten kaum mehr zu durchschauen, versichern uns Journalisten. Ja, das Thema ist zweifelsohne komplex. Dennoch beschleicht uns als Beobachter das Gefühl, dass hier - statt sich etwa mit den, beim nun schon 15. Euro-Gipfel vorgeschlagenen Maßnahmen detailliert auseinanderzusetzen - auch manchmal dankbar ausgewichen wird auf weichere Aspekte, wie die Anreiseschwierigkeiten der Teilnehmer.
Aber hinter der Frage, ob wir genau erklären könnten, was den EFSF- vom ESM-Rettungsschirm unterscheidet, steckt ja viel mehr: Es geht um die journalistische Verantwortung für unsere demokratische Gesellschaft. Wenn Artikel 5 des Grundgesetzes jedem das Recht garantiert, sich "aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten", dann, weil dies eine Voraussetzung für die Demokratie in ihrem Wortsinn ist: für die Herrschaft des Volkes. Um diese auszuüben, müssen Bürgerinnen und Bürger ihre Rechte kennen, über die nötige Information verfügen, sich eine fundierte Meinung zu bilden, und wissen, wie Sie ihre Interessen durchsetzen können.
Das Politische neu vermessen
Natürlich kann jeder selbst nach Informationen googeln und seine Meinung ungehindert bloggen, posten und twittern. Doch gerade angesichts der Flut von Informationen gibt es viel Unsicherheit darüber, welche Daten verlässlich sind. Gerade die Masse der Meinungsäußerungen lässt die Wirkung eines einzelnen Kommentars verpuffen. Deshalb darf Journalismus sich nicht in der Protokollierung und Kommentierung des Geschehens erschöpfen. Journalisten sollten gelieferte Erklärungsangebote hinterfragen, Diskurse reorganisieren, den Raum des Politischen neu vermessen, Zugänge öffnen und damit eine echte Öffentlichkeit schaffen, in der Menschen ihre Interessen artikulieren können.
Diese Erkenntnis ist nicht neu. Was wir brauchen, sind mehr Medienschaffende, die ihre eigene Leistung in Hinblick auf diesen Auftrag kontinuierlich reflektieren und Konsequenzen ziehen.
Nun ist es nicht so, dass Medien sich nicht mit sich selbst beschäftigen würden. Im Gegenteil: Bei plötzlich und unerwartet eintretenden Ereignissen fragen Moderatoren gerne ihre Interviewpartner, warum "die Medien" denn nicht schon früher etwas bemerkt hätten. Dabei lässt schon die anscheinend selbstkritische Formulierung "die Medien" als Verweis auf vermeintlich Dritte ahnen, dass hier eher rituelle Scheinempörung praktiziert wird und keine kritische Analyse des eignen Tuns.
Ist das Thema erst einmal groß, ist der Druck, es zu bedienen, enorm: Quotenlogik schlägt Relevanz - und so befragen sich Journalisten bei schlechter Nachrichtenlage notfalls gegenseitig zu eben dieser, weil ja irgendwas gesendet werden muss.
Aber: Muss dann wirklich gesendet werden? Lohnt dann nicht eher ein Perspektivenwechsel, der sich erst mittelfristig amortisiert, dafür aber die Nachrichtenlagen nachhaltiger ausleuchtet?
Wenn weniger mehr ist
Der ehemalige "New York Times"-Reporter und Pulitzer-Preisträger David Halberstam sagte einmal mit Blick auf Kollegen, die das tun, "their commitment to reporting difficult stories over the long haul, often against the conventional grain, is a tremendous public service, and the example of endurance and honor that they bring to the profession is a reminder of what journalism is about at its best." Anti-zyklisch berichten, recherchieren, dranbleiben, zwischen eilig und wichtig trennen: Weniger ist hier mehr.
Genau dies fordert die Slow-Media-Bewegung, der sich auch VOCER verpflichtet fühlt: Sie steht für Beiträge, die zeigen, dass nicht Schnelligkeit und Masse den Wert des Medienangebots ausmachen, sondern dessen Inhalt. Schließlich geht es nicht um Entschleunigung aus Gründen der Gemütlichkeit, sondern um die Sorge um die fundamentale Rolle der Medien für unsere Demokratie.