31. Januar 2012
In die Zukunft des Fernsehens zu schauen, heißt zunächst einmal, mit einem Missverständnis aufzuräumen. Denn es ist schon reichlich irreführend, allein vom "Fern-Sehen" zu sprechen. Freilich ist das Fernsehen auch ein Fenster in die Ferne, oft sogar in die entrückten Traumwelten Hollywoods. Und es hat diesen Anspruch bereits mit der Übertragung der Mondlandung geradezu sinnbildlich eingelöst.
Bisweilen starrt auch heute noch scheinbar die gesamte Weltbevölkerung gemeinsam durch dieses Fenster in die Ferne, wenn "Jahrhunderthochzeiten", Fußballweltmeisterschaften oder auch Terroranschläge zum "Talk of the Town" im globalen Dorf werden. So ist das. Eigentlich.
Denn seine heimliche und oft genug unheimliche Kernqualität hat das Fernsehen im "Nah-Sehen". Der Fernsehapparat ist nämlich nicht nur ein Teleskop für den Blick in die Ferne, sondern ein sehr viel besseres Endoskop für den Blick in unser Innerstes.
Wenn wir das Fernsehen einschalten, dann wollen wir dabei auch immer uns selbst entdecken. Wenn es darum geht, unsere Bedürfnisse und Ängste zu formulieren, unsere Werte zu verhandeln, immer wieder neu zu definieren, was unsere Gesellschaft ausmacht und zusammenhält, dann spielt das Fernsehen wie kein anderes Medium seine Stärken aus. Dann funktioniert es als Selbstvergewisserungsmaschine des Menschen. Und zwar in den staatstragenden Talkrunden der öffentlich-rechtlichen Sender wie im oft lärmenden Nachmittagsprogramm der Privaten.
Wirkliche Wirklichkeit
So viel Kulturrelativismus mag schmerzen: Aber letztlich treten Frank Plasberg und Barbara Salesch in derselben Disziplin an - nur vor unterschiedlichem Publikum. Dem einen billigen wir dabei moralischen Mehrwert zu, weil bei ihm "Politik auf Wirklichkeit trifft", während die andere erst gar nicht zu verbergen versucht, dass es die wirkliche Wirklichkeit im Fernsehen sowieso sehr schwer hat.
Selbst in der bizarren Maske der Scripted Reality trifft das Fernsehen ganz offenbar eine Lebenswirklichkeit vieler Zuschauer. Die ewig gleichen Streitereien der Laienensembles im Nachmittagsprogramm spielen sich zwar nur vorgeblich mitten im Leben ab, aber sie dienen ihren Zuschauern doch zum Abgleich mit den eigenen Realitäten und Wertvorstellungen. Die gleiche Motivation ist es, die Millionen zu den Talkshows der Illnerplasbergwills treibt. Und bezeichnenderweise machen die politischen Debattierrunden oft genug den Eindruck, sie folgten ihrerseits den immer gleichen Drehbuch-Textbausteinen.
Die besondere Faszination und Attraktivität des Nahsehens lässt sich exemplarisch an einer Sendung nachvollziehen, die Jahr für Jahr - auch gerade erst wieder - ein Millionenpublikum lockt. Kurioserweise kommt dieser moderne Nahseh-Klassiker aus der denkbar größten Ferne zu uns: Im australischen Dschungel wird eine Reihe Halbprominenter in ein Camp gesteckt, um in einer Art sozialdarwinistischem Turnier zur Wahl des Dschungelkönigs anzutreten.
Natürlich ist das bizarres Spektakel, Mediensatire, moderne Comedia dell'arte und gleichzeitig Spielshow. Aber für Millionen von Zuschauern ist es vor allem leidenschaftliche Auseinandersetzung mit den Untiefen ihrer eigenen menschlichen Natur: mit Liebe, Intrige, Eifersucht, Freundschaft, Schwäche, Hochmut und Demut.
Mehr als ein Angebot zum Eskapismus
Es wäre zu kurz gedacht, solches Programm als Jahrmarkt abzutun, als bizarre Belustigung oder gar als Angebot zum Eskapismus. Wer will, findet all das ebenfalls im Fernsehen - und nicht zu knapp. Aber noch viel üppiger und verlässlicher stehen da bereits das Internet, die Welt der Computer- und Online-Spiele sowie Kino, DVD und Video On Demand bereit. Als reine Bespaßungsmaschine gerät das klassische Fernsehen gegenüber dieser schillernden Konkurrenz längst ins Hintertreffen. Geradezu exemplarisch zerbröselte die jahrelang unangefochtene Vormachtstellung des Showklassikers "Wetten dass..?!" am Samstagabend, einstmals stolz beworben als "Europas größte Fernsehshow". Klassischer Fernsehbudenzauber ist ein Auslaufmodell.
Seine volle und ureigene Kraft und Faszination entfaltet das Fernsehen hingegen in den gemeinschaftlichen Nahseh-Erlebnissen. Also immer dann, wenn entweder das Weltgeschehen uns zur moralischen Verortung drängt oder wenn uns menschliche Schicksale zur Auseinandersetzung mit unseren Ängsten und Hoffnungen bewegen. Das galt beispielsweise auch für die Bilder der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Sie kamen zwar aus dem fernen Japan zu uns, aber in ihrer Wucht und Tragik haben sie die Mehrheit der Deutschen zu einer radikalen Neupositionierung in der Kernkraftfrage animiert.
Kein anderes Medium besitzt die Kraft, Millionen von Menschen zur gleichen Zeit dazu zu bewegen, ihr eigenes Wertebild zu hinterfragen. Und darin liegt bis auf weiteres das Alleinstellungsmerkmal des Fernsehens. Weil nämlich die Fragen an uns selbst mit dem Lauf der Dinge nicht aufhören wollen. In Zeiten der galoppierenden Globalisierung werden sie sogar immer drängender, weil sich die Grenzen und Regeln, innerhalb derer wir uns lange Zeit sicher fühlen konnten, nach und nach auflösen.