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Cornelia Funke: Bilder sichtbar machen

Bestseller-Autorin Cornelia Funke im Interview über ihre Mirrorworld App, die digitale Welt und multimediales Storytelling. 

Cornelia Funke ist eine der erfolgreichsten Kinderbuch-Autorinnen der Welt. Im April hat sie die Spiegelwelt App herausgebracht, in der ihre Geschichten multimedial erlebbar werden.


VOCER: Frau Funke, Sie geben Ihrem Computer einen Namen?

Cornelia Funke: Das ist richtig, mein Computer heißt Jack. Ich finde die digitale Welt fantastisch. Ich muss nicht mehr warten, bis sich die Fanpost auf meinem Tisch verirrt, ich kann auf Facebook an einem Morgen mit Lesern aus Sri Lanka, Mexiko, Italien und Frankreich sprechen. Sie können mir dort alle Fragen zu meinen Büchern und zum Schreiben stellen und ich antworte auf jede persönlich. Ich habe dadurch ein so direktes, unmittelbares Verhältnis zu meinen Lesern. Ich liebe meine Papierfanpost natürlich auch sehr, aber da ist der Austausch natürlich nicht so schnell und selten ein längerer Dialog.

Wie muss man sich das vorstellen: Sitzen Sie beim Mittagessen und lesen heimlich unterm Tisch Ihre Facebook-Nachrichten?

Warum sollte ich das heimlich tun? Und nein, die lese ich eher beim Frühstück, und abends poste ich dann eine Art Tagebucheintrag: Das habe ich geschafft, daran arbeite ich, damit habe ich gerade Probleme. Ich habe auf der Facebookseite fast ausschließlich User, die versuchen selbst zu schreiben und Rat zum Schreibprozess oder zur Recherche wollen. Aber natürlich bekomme ich auch wunderbares Leserfeedback.

Sie nutzen also den Input aus der Community?

Oh ja, in der Spiegelwelt reise ich ja mit den Märchen um die Welt. Wenn mir jemand aus Sri Lanka oder Mexiko schreibt, kann ich fragen: Was ist Dein Lieblingsmärchen? Was ist das magische Wesen in Deinem Land, von dem Du glaubst, dass es hinter dem Spiegel leben muss? So bekomme ich die aufregendsten – und inspirierendsten – Antworten. Für diese Reihe arbeite ich außerdem mit historischen Charaktern und Ereignissen und recherchiere dafür sehr viel. Es ist fast so, als webte man aus verschiedenen Fäden einen Fliegenden Teppich für seine Leser. Wenn den ab und zu die Leser liefern, ist das natürlich ein ganz besonderer Faden.

Als Sie beim Reeperbahn Festival Ihre App, die Mirrorwold vorgestellt haben, hatte man das Gefühl, Sie schwebten auf einem Fliegenden Teppich, so begeistert schienen Sie.

Seit 25 Jahren – also so lange, wie ich schon schreibe – träume ich davon, den Lesern die Bilder, die ich selbst im Kopf habe, sichtbar zu machen.  Mit der Spiegelwelt App ist das zum ersten Mal tatsächlich passiert. Das löst sehr viel Begeisterung ausJ  25 Jahre ist eine lange Zeit, um darauf zu warten.  ©   width=

Nun gibt es die Mirrorworld-App und damit eine ganz neue Art Ihre Geschichten zu erleben. Sie und die Mirada Studios haben eine ganze Menge Geld investiert. War das die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung war es, Kurzgeschichten zu schreiben, und das auch noch auf Englisch. Ich habe festgestellt, dass ich diese literarische Form liebe. Seitdem schreibe ich vielen meiner internationalen Verleger Spiegelwelt-Geschichten, die zu ihrem Land passen und die sie an Buchhändler oder Leser verschenken können. Für meinen deutschen Verlag habe ich gerade eine Weihnachtsgeschichte geschrieben, die hinter dem Spiegel in Hamburg spielt. Was die Zusammenarbeit mit Mirada betrifft, klappte das so selbstverständlich, dass ich meist einfach nur sehr glücklich mit dem Kopf nicken musste, wenn mir die visuellen Ideen zu meinen Geschichten gezeigt wurden. Es kam nur selten vor, dass ich da etwas korrigieren musste.

Begrenzt so eine App nicht die Fantasie der Leser, die jetzt in „Ihrer“ Welt wandeln?

Das Interessante ist ja, dass eine App die Chance bietet, dem Leser Bilder zu liefern, die die Fantasie anregen, statt sie einzuschränken. Ich dachte früher, das sei unmöglich. Diese Frage nach dem Begrenzen wird mir so oft gestellt, aber wann ist es so, dass Bilder unsere Fantasie einschränken statt sie anzuregen? Diese seltsame Idee kommt wohl doch von schlechten Verfilmungen- aber das hat viele Gründe, die mit dem Format eines Spielfilms zu tun haben – und mit dem Druck, enorme Kosten wieder einzuspielen. Hat Illustration im 19. Jahrhundert die Fantasie beschränkt? Würden wir sagen, wenn wir Romeo und Julia als Tschaikowsky-Ballett auf der Bühne sehen, dass die Musik Shakespeares Geschichte ruiniert? Wann ist diese Feindseligkeit gegen visuelle Interpretationen entstanden? Bilder, Töne, all das kann das Wort doch bereichern. Das Wort ist hungrig nach dem Bild, hungrig nach der Musik. Worte möchten mit anderen Künsten spielen. Man muss nur die richtigen Künstler für so eine Zusammenarbeit finden.

Die haben Sie mit den Mirada Studios gefunden. Wird es in Zukunft also eine Bücher mehr von Ihnen geben, sondern nur noch Apps?

Nein, die App würde es ja nicht geben, wenn ich die Bücher nicht schreiben würde. Sie ist ein visueller Reiseführer für die Welt, die entfaltet sich auf über tausend Seiten in den Romanen entfaltet – ganz anders als eine Kurzgeschichte das tut. Es sind verschiedene Formen , die über die selbe Welt auf unterschiedliche Weise erzählen.

Sie haben einmal gesagt, bei der „Mirrorworld-App“ sind Sie das erste Mal vom Ergebnis nicht enttäuscht. Was kann eine App besser als ein Film?

Auch da kann mich nicht so dogmatisch sagen! Es gibt wunderbare Filminterpretationen von Büchern. Aber es gibt sie sehr selten. Wir haben bei Mirrorworld  keinen Roman nacherzählen müssen, wie ein Film es tut. Wir konnten episodisch arbeiten, mit Illustration, Skulptur, Schattenspiel und Film – so wird der User nicht auf eine Sichtweise festgelegt, kann sich meine Helden selbst vorstellen, aber erfährt trotzdem sehr viel über die Welt, in die die Bücher führen. Wir arbeiten gerade an Drachenreiter und als nächstes soll Tintenherz kommen – mal sehen, was uns beim Spielen mit dieser wunderbaren neuen Form noch alles einfällt.

Wie beeinflussen Neue Medien das Geschichtenerzählen?

Wir sind alle beeinflusst von Film und Fernsehen, von Musikvideos, usw. – jeder Erzähler, der behauptet, das nicht zu sein, hat entweder noch nie vor einem Bildschirm gesessen oder lügt. Aber das Erzählen ist immer von anderem beeinflusst worden, sei es Musik, Malerei, Theater oder einfach nur das, was in der Welt passiert. Einfluss ist immer auch Inspiration, und Veränderung ist nicht immer etwas Schlechtes!

 

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