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Computerliebe

Der Film „Her“ wird unser Bild von der Zukunft prägen, denn er untersucht die intimen Beziehungen, die wir zu Technologie aufbauen und wie wir mit Individuen umgehen, die nicht zwangsläufig menschlich sind.

Seit dem 27. März läuft der mit einem Oscar für das beste Original-Drehbuch prämierte Film „Her“ im Kino. Er wird unser Bild von der Zukunft prägen – mehr noch als es Steven Spielbergs Sci-Fi-Thriller „Minority Report“ aus dem Jahr 2002 bereits getan hat.

Zeit für einen neuen Blick auf die Welt

Regisseur und Drehbuchautor Spike Jonze entwirft ein Szenario, in dem der digitale Fortschritt unseren Alltag durchdrungen hat. Das Wettrennen um Größe, Auflösung und Schnelligkeit ist beendet und macht Platz für intuitive Sprach-Interfaces, integrierte Systeme und lernfähige Algorithmen. Technologie hört schlicht auf zu nerven und ermöglicht es dem smarten Menschen ganz bei sich zu sein. Der Wohnraum wirkt gemütlich und besteht aus warmen Holzoberflächen und Glas. Gedeckte Naturfarben charakterisieren die Mode der Zeit.

Theodore (gespielt von Joaquin Phoenix) arbeitet in einer Agentur, die sich darauf spezialisiert hat einfühlsame Briefe voller Liebe, Wärme und Zuneigung für Menschen zu schreiben, die eigentlich keine Briefe mehr schreiben. In seiner Rolle als Ghostwriter durchlebt er die großen menschlichen Gefühle, ohne selbst auch nur einen Finger rühren zu müssen. Denn sein gesprochenes Wort wird direkt in die Handschrift des Auftraggebers übersetzt.

Privat hat ihn das Glück jedoch verlassen. Um seiner Einsamkeit etwas entgegen zu setzen, installiert sich Theodore ein neues personalisiertes Betriebssystem, welches sich selbst den Namen Samantha gibt – denn der gefällt ihr gut. Die im Original von Scarlett Johannson gesprochene künstliche Intelligenz tritt als vorderstes Interface-Element auf, welches seinem Besitzer E-Mails filtert, Suchanfragen beantwortet, die Termine plant und mehr. Das Mehr besteht in nächtelangen Unterhaltungen über Gott und die Welt. Theodore ist voller Schwermut und findet in Samantha eine verständnisvolle Zuhörerin. Sie besitzt Witz, Charme sowie Intuition und geht auf ihn ein.

Die Stimme aus dem Computer

„Her“ untersucht die intimen Beziehungen, die wir zu Technologie aufbauen und wie wir mit Individuen umgehen, die nicht zwangsläufig menschlich sind. Der Film untersucht ebenso welchen Veränderungen Beziehungen und Sexualität im digitalen Wandel unterworfen sind. Dieser Assoziationsraum öffnet sich dem Zuschauer allein durch eine Stimme, der man sich gerne anvertrauen und hingeben möchte.

Es ist dem Menschen angeboren seine Umwelt zu vermenschlichen und so fällt es uns umso leichter auch Computern eine Persönlichkeit zuzuschreiben. Wir wollen mehr über die Beschaffenheit dieses körperlosen Wesens erfahren, seinen Gemütszustand ergründen und ihn bei seiner Menschwerdung unterstützen – um ihm schließlich vollends zu verfallen. Wir verlieben uns. Vielleicht in uns selber, vielleicht in eine Aura, ein unerreichbares Gefühl oder eine Idealvorstellung vom Leben.

Indem Regisseur Spike Jonze den Blick auf Beziehungen und Vorstellungen von Liebe richtet, ermöglicht er einen differenzierten und vorurteilsfreien Blick auf den Umgang mit Technologie. Dieser wird gesellschaftlich nicht nur toleriert, sondern akzeptiert. In den öffentlichen Verkehrsmitteln stört sich niemand an den Selbstgesprächen des anderen. Jeder ist mit seinem Betriebssystem im Gespräch. Und das ist ok. Denn es gibt auch noch echtes Interesse an seinen Mitmenschen, wie etwa verkörpert durch den freundlichen und interessierten Pförtner im Büro.

Alte Freundschaften und neue Bekanntschaften bilden einen vergleichbar starken Kontrast zur Anonymität der Großstadt wie die Wärme der Stimme zur Kälte der Technologie. Diese Gegensätze bewirken, dass sich der smarte Mensch im Film niemals komplett dem Digitalen hingibt. Sollte uns dieses Verhältnis tatsächlich erhalten bleiben, können wir alle frohen Mutes in die Zukunft blicken. Tatsächlich scheinen aktuelle Informations- und Kommunikationstechnologien fern ab der Kinoleinwand eher die Entfernung von persönlichen, zwischenmenschlichen und körperlichen Kontakten zu bewirken. Trends wie die globale Migration und die Shareconomy (Besitztümer zu teilen statt sie zu besitzen) versuchen dem wiederum etwas entgegenzusetzen.

Die Macht der Maschinen

Der digitale Wandel wird die Art wie wir leben und arbeiten sowie die Fragen danach wie und wen wir lieben, nachhaltig verändern. „Her“ will uns eine Möglichkeit aufzeigen und mündet schließlich in der Frage der Unterwerfung und Aufgabe der Souveränität als menschliche Individuen. Denn indem wir die Macht über unser Leben abgeben (Samantha schickt Theodores Werke beispielsweise selbstständig an einen Verlag), berauben wir uns nicht nur der Entscheidungsfreiheit, sondern entziehen uns auch der Verantwortung über unser Handeln.

Kann es überhaupt eine gleichberechtigte Beziehung mit Maschinen geben? Ich glaube es nicht, denn unser Verhalten führt zwangsläufig zu einem gewissen Bild von uns – Samantha bräuchte dafür weder den Blick durch Theodores Kamera noch die Gespräche mit ihm. Seine E-Mails und Bewegungsdaten reichen völlig aus. Zu schnell begibt sich dieser in die Abhängigkeit und Bevormundung der außenstehenden Intelligenz. Sie werden eins, indem sie durch den anderen wachsen. Am Ende steht jedoch die Erkenntnis, dass Theodore nie mehr als ein Mensch war. Etwa weil einerseits kein erkennbarer Unterschied zwischen simulierten und wahrhaftigen Gefühlen besteht. Und weil es andererseits keine Möglichkeit gibt einen bereits vergangenen Gefühlszustand wieder herzustellen und an diesen zurückzukehren.

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