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brutal: Gehirn, DNA und Karma

Woher kommt Gewalt? Fräst sie sich unauslöschbar in die Gene oder kann man sie besiegen? Drei „brutal“-Redakteure erzählen von ihren Recherchen.

Die Kompaktklasse 52K der Deutschen Journalistenschule arbeitet derzeit an ihrem Abschlussprojekt: Das Magazin “brutal” soll sich mit allen Facetten von Gewalt beschäftigen. Für VOCER berichten die jungen Journalisten von der Entstehung ihres Hefts.

Der friedlichste Mensch der Welt

anant-agarwalaIch habe für „brutal“ die friedlichsten Menschen der Welt gesucht. In Deutschland hatte ich kein Glück. Nach Telefonaten und E-Mails in die Schweiz und nach Indien, bekam ich einen Kontakt nach London. Die Nachrichten des Londoner Mittelsmannes begannen mit der Phrase „Om Arham Anant-ji, ich hoffe, diese Mail erreicht Sie in einem Moment der Glückseligkeit und bei bester Gesundheit“. Das klang nach Frieden. Und tatsächlich: nach dem Lesen der Mail war ich glücklich. Nonnen und Mönche der Glaubensgemeinschaft der Jains seien in ganz Europa zwar nicht zu finden. Aber in zwei Wochen käme eine Nonne nach London und ich bekäme eine Audienz. Ich traf eine Frau, die keine schlechten Gedanken hat. Die keinen Rasen betritt, um den Halmen kein unnötiges Leid zu bereiten. Die auf dem Boden schläft, damit sie keine Bettwanzen in der Matratze zerdrückt. Die auf fast alles verzichtet, um im nächsten Leben
Gott zu werden.

Anant Agarwala

Das Trauma in der DNA

laura-backesWie beschreibt man ein Phänomen, bei dem es keine absoluten Wahrheiten gibt? Für »brutal« habe ich mit Menschen gesprochen, die vom Zweiten Weltkrieg traumatisiert sind, obwohl sie erst Jahrzehnte später zur Welt kamen. Ich habe mit Betroffenen gesprochen und Studien durchforstet. Die Genforschung steht noch am Anfang, jedes Einzelschicksal ließ also Fragen offen. Doch ich habe gelernt: Man kann auch Geschichten erzählen, ohne absolute Wahrheiten zu liefern. Weil genau das näher an der Wirklichkeit ist.

Laura Backes

Der Ursprung von Gewalt

francesco-giammarcoGeschichten über Gewalt findet man überall, man muss einfach nur vor die Tür gehen. Aber manche Fragen lassen sich auch vom Schreibtisch aus beantworten. Um zu verstehen, wie Gewalt funktioniert, welchen Regeln sie folgt und wie sie sich entwickelt, dafür muss man eigentlich doch nur lesen, oder? Das war jedenfalls mein Gedanke vor der Recherche zu den Ursachen der Gewalt. Ich habe mir die entsprechenden Wälzer besorgt, vier Schinken auf meinem Schreibtisch, 2500 Seiten Gewalt – nur ein Ausschnitt der unzählbaren Texte, die es zu dem Thema gibt. Das war dann ein bisschen viel, also bin ich doch vor die Tür. Allerdings nur von einem Schreibtisch zum nächsten. Denn glücklicherweise gibt es ja Menschen, die die entscheidenden Bücher schon gelesen haben. In diesem Fall: eine Neurobiologin und ein Historiker. Gewalt ist nämlich beides, ein biologischer Prozess und ein soziales Phänomen.

Francesco Giammarco

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