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Authentisch, ehrlich, gut?

Viele Gespräche und Reportagen im Radio werden inszeniert. Es gibt kaum Regelwerke für Radiomacher, die erklären, was redlich und was fragwürdig ist. Die meisten deutschen Stationen kommen gar ohne Redaktionsstatuten und Ethik-Guidelines aus.

Enttäuscht. Empört. Verwundert. Die Hörer vor Ort empfangen mich mit fragenden Gesichtern. Sie sind Teil einer großen Radioaktion. Sie gehören zu einem Verein, der sich beworben hat. Der mitmachen will. In SEINEM Sender.Und jetzt das: Heute morgen war eine von ihnen im Radio zu hören – im Telefongespräch mit XY, DEM Star-Moderator der Morgensendung. Und die Begeisterung war grenzenlos. Denn: „Wie war’s so live auf Sendung?“ Und: „Wie is‘ er denn nun, der große XY?“. Die Freunde sind neugierig. Aber die Antwort ist ernüchternd. Denn: „Mit XY hab ich gar nicht gesprochen“, sagt die Freundin. „Nur mit einer Frau von der Redaktion. Die hat die Antworten aufgezeichnet. Gestern schon.“ Die Freunde können’s nicht fassen: „Soooo läuft das also!?“ Und mich bringen sie in Erklärungsnot: „Macht ihr das immer so?“

Nein. Nicht immer. Aber immer öfter. Denn „Live“-Gespräche aus der Konserve und Interviews, die keine sind, haben im Radio Hochkonjunktur. Ganz einfach, weil sie so schön praktisch sind, so bequem, so gut kalkulierbar. Sie lassen sich auf die gewünschte Länge schneiden und als passgenaue 2:30 Minuten auf Sendung nehmen. Der Moderator spart sich die aufwändige Vorbereitung. Ein paar Fragen auf Lücke reichen und die Antworten kommen auf Knopfdruck. Fertig ist das selbst gebastelte Interview.

Die Folgen dieser Bastelwut sind bisweilen mehr als kurios: Da „erzählt“ eine Frau einem Moderator, den sie nie gesehen hat, unter Tränen, wie sehr ihr der verschwundene Bruder fehlt. Und Kanzlerin Merkel „spricht“ mit einem Chefredakteur, den sie in Wirklichkeit nie getroffen hat. Da „begrüßt“ ein Moderator eine Kollegin im Studio mit „Guten Morgen“, und die grüßt als Aufnahme zurück. Und die Volontärin „interviewt“ einen Zahnpflegeexperten, dessen Antworten eine PR-Agentur geliefert hat.

Alles ganz normal?

„Alles ganz normal“, sagen viele Radiomacher und wollen nicht wahr haben, dass „normale Hörer“ das höchst irritierend finden. Das erleben nicht nur Reporter vor Ort. Das zeigt auch die Bachelor-Arbeit des Medienmanagement-Studenten Markus Bender. Er hat untersucht, welche ethischen Ansprüche Hörer ans Radio haben. Fazit: Live-Fakes und inszenierte Gespräche werden als fragwürdig und nicht akzeptabel bewertet. Ebenso die vorgetäuschte Reportersituation. Gemeint sind damit Radiobeiträge, die klingen, als sei der Macher vor Ort gewesen. War er aber nicht.

Stattdessen ist die „Reportage“ nur radiophon inszeniert – eine Arbeitsweise, über die kaum ein Radiomacher offen spricht. Einer der wenigen war der ehemalige ARD-Hörfunkkorrespondent Michael Franzke. Der schilderte dem Kollegen Lutz Mükke 2009 ernüchternde Fälle von „virtuellem Journalismus“ und sprach sogar von „akustischer Täuschung“.Der Grund: Franzke hatte mehrfach miterlebt, wie Korrespondeten mit O-Tönen „Schein-Authentizität“ erzeugten. Sie legten einfach Hubschrauber-Atmo und Maschinen-Gewehr-Geräusche unter ihre Reporterstücke. Korrespondenten hätten sogar lange Features produziert, ohne jemals vor Ort gewesen zu sein. Und die Redaktionen, kritisierte er, hätten das nie hinterfragt. Es fehle an den Strukturen dafür, so Franzke damals.

Radiomacher ohne Problembewusstsein

In der Tat scheint der Hörfunk anfällig für diese und jede andere Art der Inszenierung. Denn in punkto Handwerk und Produktionsweisen fehlt es an Kontrolle und Selbstkontrolle. So gibt es zum Beispiel kaum Regelwerke für Radiomacher, die erklären, was möglich, redlich, fragwürdig ist. Die meisten Radiostationen in Deutschland kommen ohne Redaktionsstatuten und Ethik-Guidelines aus. Und so gut wie nie gibt es Ethik-Beauftragte oder Ombudsleute in den Sendern.

Dabei wäre das wesentlich, um Fehlentwicklungen früh zu bemerken. Denn Ombudsleute sind Anlaufstellen für Hörer und Radiomacher gleichermaßen. Sie sind Sensoren für Fragwürdiges und regen frühzeitig zu Diskussionen an. Wie das geht, zeigt das amerkanische NPR (National Public Radio). Der dortige Ombudsmann, Edward Schumacher-Matos, ist – egal für wen – unmittelbar und direkt zu erreichen: per Mail, Twitter, Facebook,… Er antwortet auf Fragen und stellt selbst welche, wenn sie sich aus der redaktionellen Arbeit ergeben. Denn sein Job ist es, das Radio-Handwerk kritisch zu begleiten, zu hinterfragen, zu verbessern.

In Deutschland dagegen, ist vielen Hörern und Machern unklar, wo radiojournalistisch Fragwürdiges verhandelt wird. Es gibt ja nicht einmal eine zentrale Hörfunk-Instanz vergleichbar dem Presserat. Wohin also mit Bedenken und Kritik? In die Redaktionskonferenzen? Wohl eher unter den Teppich, lässt die bislang einzige umfassenden Studie zur Medienethik im Hörfunk vermuten. Denn über ethisch Bedenkliches reden wir Radiomacher kaum, stellt die Studie fest. Und schlimmer noch: Sie attestiert uns Radiomachern ein nur „mangelndes Problembewusstsein“.

Ganz anders die Kollegen von Print und Fernsehen: Die diskutieren über handwerkliche Grundsätze und mögliche Verstöße offen und mit Lust an der Auseinandersetzung. Beispiel 1: René Pfister. Seine zunächst preisgekrönte und dann kritisierte Reportage über Horst Seehofer hat zu lang anhaltenden Diskussionen geführt, was genau eine Reportage eigentlich ist. Wie viel Authentitzität und eigene Beobachtung sie verlangt.

Fürs Radio steht diese Diskussion dagegen aus, obwohl sie dringend nötig wäre. Beispiel 2: Die als live verkaufte Balljungen-Szene bei der Fußball-Europameisterschaft. Die Fernsehmacher sahen sich danach gezwungen, öffentlich über ihren Live-Begriff zu sprechen. Für uns Radiomacher, die wir in vielerlei Hinsicht ähnlich arbeiten, war das dagegen kein Thema.

Zu wenig Öffentlichkeit

Zugegeben: Die Print- und Fernsehkollegen werden oft gezwungen, über solche Verstöße zu reden, weil sie deutschlandweit sicht- und nachlesbar wahrgenommen werden. Radio als meist regionales und flüchtiges Medium bleibt dagegen oft unterhalb der Wahrnehmungs- und Nachweisschwelle. Auch bei den Aufsichtsintanzen. Auch bei den medienjournalistischen Kollegen. Und die Radiomacher sind zufrieden damit: Hauptsache keinen Ärger. Hauptsache keine Schlagzeilen.

Doch wer nicht offen und öffentlich redet über die Verfehlungen seines Mediums, der entwickelt sich nicht weiter. Wer nicht spricht über die Grenzüberschreitungen seines journalistischen Handwerks, der überlässt es denen, die einfach, „machen, was geht“. Seriös ist das nicht. Und peinlich auch. Denn mal ehrlich: Wie soll man einem „normalen Hörer“ erklären, warum ein Interview nur ein Theater mit verteilten Rollen ist, und warum die Vor-Ort-Reportage aus dem Studio kommt? Eben. Gar nicht. Was es stattdessen braucht, sind klare radiohandwerkliche Regeln und mehr Radiomacher, die bereit sind, ihr Handwerk zu hinterfragen.


Linktipps für Radiomacher, die Rat in medienethischen Fragen suchen:


Eine hitzige Diskussion über diesen Text gibt es auch bei radioszene.de

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Kommentare

  1. behind the scenes sagt:

    Sehr geehrte Frau Müller. Mit Gruseln denke ich ans Jahr 1988 zurück – die älteren unter uns werden sich vielleicht erinnern – da erschien der 2. Teil des „Ghostbusters-Film“. Ein völlig durchgeknallter Moderator des Senders „Bayern 3“ kündigte ein Live-Interview mit Helmut Rellergerd an, „dem Mann, der die Ghostbusters erfunden hat“. Nun, Rellergerd fand in den etwa 5 Minuten Zeit genug, dem Kollegen Radiojournalisten zu erklären, dass er eigentlich für die Gruselserie „John Sinclair“ verantwortlich sei, der Bastei-Verlag damit gutes Geld verdiene, und er – Rellergerd – NUR das Buch zum Film geschrieben habe, was wie folgt abgelaufen sei. „Ich saß im Kino, sah zu, schrieb, sah zu, schrieb…“

    Danach hat der B3-Redakteur schnell abgewürgt und spielte wieder die Dudelmusik, für die der Sender bis heute berüchtigt ist.

  2. Va Nessa sagt:

    Wirklich interessant! Das sind wirklich Dinge, die man als normaler Radiohörer nicht auf dem Schirm hat.
    Da kann ich ja froh sein, dass ich wenigstens noch direkt mit dem echten Moderator sprach, wenn das Gespräch schon für später aufgezeichnet wurde…
    Wobei, wer weiß, ob es immer noch so ist…

  3. Dieter W sagt:

    Im Radio habe ich das selbst noch nicht bemerkt, aber bei verschiedenen, angeblich dokumentarischen Fernsehsendungen wurde in der letzten Zeit häufiger klargemacht, mit welchen Verfälschungen dort gearbeitet wird, Sie sprechen es ja mit dem Balljungen-Beispiel auch an.

    Um mal dramatisch zu werden: Vielleicht müssen die seriösen Medienschaffenden so etwas wie ein Dogma-Manifest für den non-fiktionalen Bereich erstellen, in dem sie sich von bestimmten Methoden distanzieren und versprechen, die Realität möglichst genau so darzustellen, wie es gewesen ist. Dazu gibt es bestimmt einen größeren Theorieapparat als meine naiven Begriffe dies hier beschreiben, aber wenn die Reaktion der Zuschauer so ist wie bei den Vereinsmitgliedern, dann läuft etwas schief. Das Mißtrauen gegenüber jedem Versuch, Realität darzustellen, wird wachsen. Realität wird nur noch zur Erzählung. Es kommt dann nicht mehr auf Fakten an, sondern darauf, wer mit seiner „Erzählung“ die meisten Herzen und Köpfe erreicht. Interessant ist, daß dieses linke Konzept der Realität als Text oder Erzählung seit längerem von konservativer Seite ganz unverhohlen eingesetzt wird (Massenvernichtungswaffen im Irak). Es hat zu einer unglaublichen Spaltung der Bevölkerung geführt. Wenn ich mir die Debatte um das Leistungsschutzrecht oder den Armutsbericht der Regierung anschaue, dann sehe ich Parallelen. Noch nicht so heftig, aber das Mißtrauen gegenüber jeder Äußerung des Gegners wächst.

    Informationsmedien sollten ihre Arbeitsweise transparent machen. Vor allem sollten sie so arbeiten, daß dies eigentlich gar nicht notwendig ist, weil man sie auch bei Fehlern als vertrauenswürdig wahrnimmt, weil sie Fehler selbst zugeben und korrigieren.

  4. disqus_XVpTcQNec4 sagt:

    Der Hessische Rundfunk sendete 2011 einmal eine „aktuelle“ Radio-Reportage über Wildtiere in den Alpen auf hr-online. Da war beständig von D-Mark die Rede. Das scheinbar aktuelle Stück wurde also vermutlich mindestens zehn Jahre früher bereits produziert. Auf meine Anfrage, wie sie das denn mit dem eigenen Qualitätsanspruch verträgt, habe ich leider nie eine Antwort erhalten.

    • In der Tat ist auch das in vielen Radiosendern ein unbesprochenes Problemfeld: Wie umgehen mit Tönen aus dem Archiv?

      Darf man zum Beispiel alte O-Töne einfach so wieder in neue Beiträge recyclen? Zum Beispiel, weil der Gärtner ja eh jedes Jahr denselben Frühlingstipp gibt? Oder weil von der Umfrage aus dem vergangenen Jahr doch noch so schöne Antworten da sind? Erstaunlicherweise halten manche Radiomacher auch das für vollkommen normal.

      Und immer wieder erzählen mir Reporter, dass Redakteure alte Beiträge aus dem Archiv ziehen, die sie einfach so oder in Teilen wieder auf Sendung nehmen. Nach meiner Ansicht in vielen Fällen fragwürdig und ohne moderativen Hinweis bzw. Rücksprache mit den O-Ton-Gebern und Reportern auch unseriös.

      • disqus_XVpTcQNec4 sagt:

        Sorry, es war natürlich HR-Info, ein Natur- und Umweltmagazin an irgendeinem Samstagnachmitag. So genau weiß ich das jetzt natürlich nicht mehr. Es ging um ausgewilderte Bären in den italienischen Alpen – und díe Kosten dieser Auswilderung wurden noch in D-Mark beziffert. Gesendet wurde das Ganze entweder Ende 2011 oder Ende 2010. Ich erinnere mich noch daran, wie ich fassungslos am Radio saß und der verantwortlichen Redaktion eine kritische E-Mail geschrieben habe, ob sie denn auch sonst immer derart aktuell arbeite.
        Ich bin selbst Redakteur, allerdings bei einer Tageszeitung, und war über die Arbeitsauffassung der Kollegen ehrlich erschüttert.
        Es gibt aber auch positive Beispiele: Als ich mich einmal über eine Fußball-Liveberichterstattung bei NDR-Info aufregegt habe, hat mir der verantwortliche Reporter am Tag drauf eine sehr lange und ausführliche E-Mail geschrieben. Das fand ich sehr löblich und hatte auch das Gefühl, das konstruktive Kritik dort geschätzt wird.

    • Jan Eggers sagt:

      Dafür kann ich sorgen. In welcher Sendung lief denn der Beitrag? In welchem Sender? (hr-online ist das Online-Angebot, kein Radiosender.)

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