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Aussortiert! Im Namen der Freiheit!

Die Finanzindustrie hat eine Sphäre geschaffen, in der Daten das Regiment übernommen haben. Kunden, Mitarbeiter und Entscheidungen – alles digitalisiert. Die neue Welt verlangt totale Anpassung. Wer nicht mitmacht, wird zum Restposten. Ein Diskussionsbeitrag in unserer Serie „Digitales Morgen“ mit Süddeutsche.de.

Kürzlich wäre ich fast mit jemandem zusammengestoßen. Zu Fuß. Mitten in München. Das Malheur war der Konzentration eines Herrn auf sein Telefon geschuldet. Ein Smartphone, reich an Meldungen aus aller Welt, das seinen Blick ansog wie ein Magnet. Facedowner sagen manche zu diesen Leuten, weil sie mit dauerhaft gesenktem Haupt durch die Gegend laufen.

Wie man so hört, häufen sich die Unfälle realitätsvergessener Handy-Nutzer. Diese Technologie zerrt die Aufmerksamkeit so konsequent in eine andere Welt, dass sie vom Leben abgeschnitten zu sein scheinen. Natürlich: Würde man sie dazu befragen, bekäme man die gegenteilige Antwort. Erst ein Handy im Dauerbetrieb gebe einem die Gewissheit, überhaupt im Leben zu stehen. Haben sie recht? Zählt das, was aus den Maschinen kommt, mittlerweile so viel mehr als das, was um einen herum geschieht? Am Ende aber ist die wichtigste Frage: Wer kontrolliert da wen? Das Handy den Mann, oder der Mann das Handy?

Seltsame Macht

Es gibt Orte, an denen sich die Frage drängender stellt als auf einem Gehweg. Zum Beispiel in jener Sphäre, die vielen auch ohne Elektronik schon wie eine Parallelwelt vorkommt: die Sphäre des Geldes. Banken, Finanzmarkt, Zinspolitik. Worte, die mittlerweile nur noch zu Unbehagen führen. Ich habe andere gefragt, was sie besonders stört. Die Exzesse, die Krise, ja. Das Irritierendste aber: die Unsichtbarkeit.

Dieser Finanzmarkt scheint vielen wie eine kafkaeske, düstere Macht, deren Puls von Daten und Bildschirmen getaktet wird. Die zockt, zahlt und zündelt und immer wieder Schäden in unbegreiflicher Höhe verursacht. Die aber am Ende die Oberhand behält, weil keiner da ist, der ihr etwas entgegenzusetzen hat.

Wie konnte es so weit kommen? Nehmen wir – mich. Auch ich stecke mitten drin in dieser unsichtbaren Welt, ohne es zu wollen. Die Banken haben mich zum Teil der Prozesse gemacht, die dort im Verborgenen ablaufen. Denn eher als andere schafften sie es, ihre Kunden in Zahlen zu reproduzieren. Man könnte von digitalen Doubles sprechen, die da in den Computern der Finanzwelt entstanden sind, um eine Vokabel aus dem Buch „Daten, Drohnen, Disziplin“ von Zygmunt Bauman und David Lyon zu borgen.

Fachleute reden allerdings lieber von Scores, also einer Art Ratings für jedermann. Wie ein Land werde ich hoch- oder runtergestuft, je nachdem, an welche Daten Marktforscher, Banken oder die Schufa zur Berechnung dieser Scores herankommen. Mahnungen, Rücksendungen, meine Wohngegend, angesurfte Seiten, der Sprachstil in Beiträgen im Internet – Tausende von Datenpunkten werden von manchen Unternehmen erfasst. Und natürlich auch die Gefällt-mir-Demokratur der sozialen Schwärme im Netz.

Und weil nicht nur die Banken interessiert, wie riskant ich bin, sondern auch Versandhäuser oder Mobilfunkkonzerne, haben die wirtschaftlichen Überwacher größeren Einfluss auf mein Leben als die Datensammler aller Geheimdienste zusammen: Sie bestimmen, ob man mich jeden einzelnen Tag als Kunden mag oder meidet.

Wenn mein digitales Genom die virtuellen Türsteher an den Kassen, Geldautomaten und in der Netzwelt überzeugt, nehme ich in der realen Welt am Leben teil. Und zwar mit erstaunlicher Leichtigkeit. Geld? Gibt es überall. Kredit? Wird im Netz beantragt. Waren bestellen? Geht weltweit. Bezahlen? Karte, Handy, Notebook – wie immer man will. So viel Freiheit fühlt sich gut an – und bald noch besser, wenn all diese Dinge mit einem einzigen Klick zu erledigen sind. Die Digitalisierung hat mich von meiner Bank emanzipiert. Auf den ersten Blick zumindest.

Das Produkt bin ich

Doch der enorme Zugewinn an Handlungsfreiheit hat seinen Preis: Wenn mein Double einmal nicht mehr die erforderliche Güteklasse hat, ist es mit der Leichtigkeit vorbei. Womöglich ohne eigenes Verschulden. Es reicht, dass die Statistik gegen einen spricht, um schlechter gestellt oder gleich ganz aussortiert zu werden. Dann gibt es eben kein Konto, keine Kreditkarte oder das Darlehen nur noch zu schlechten Konditionen.

Die Kontrolle geschieht nicht in böser Absicht, sie ist vielmehr ein extrem rationalisierter Produktcheck der Banken, das Produkt dabei bin ich. Doch die Kontrolle kann eben böse Konsequenzen haben. Den Ausgegrenzten bleibt dann nur die Wut – und Ratlosigkeit. Flucht ist kaum möglich, weil letztlich fast alle Banken nach demselben Schema arbeiten. Ohnmächtig dürfen die Abgehängten zuschauen, wie sie mit mathematischer Gewissheit in Restposten verwandelt werden.

Noch gibt es keine Instanz, die ihnen im Kampf um das Rechthaben hilft. Gegen Menschen können wir uns zu Wehr setzen, mit einiger Mühe auch gegen Unternehmen. Doch wie wehrt man sich gegen irgendwelche Daten, die irgendwann irgendwo von irgendjemandem gesammelt und irgendwie ausgewertet wurden?

Schon wer nur etwas über die Gesundheit seines Doubles wissen möchte, der wird die Erkenntnisse von Oscar Wilde wiederholen: Nicht Fragen sind indiskret, sondern Antworten. Unternehmen und Banken schweigen, keiner soll ahnen, wann und wie er gesehen wird.

Allmachtsphantasien

Man weiß auch nicht, wie die Datensammler durch die Unmengen von Informationen hindurchfinden. Ob die Daten richtig und aktuell sind. Und andererseits – wie vergesslich die Banken sind. Ist im Nu alles computertechnische Archäologie?

Die Digitalisierung schafft so eine Stellvertreter-Welt, in der die Daten alles und die Kunden nichts mehr zu sagen haben. Die Regeln, nach denen mein Double mich vertritt? Ich kenne sie nicht, weil andere sie geschrieben haben. Es verhält sich so, wie die Statistiken es wahrhaben wollen. Banken und Unternehmen gewinnen so auf seltsame Art Hoheit über mein Leben. Sie argumentieren: Die Daten sagen immer die Wahrheit. Und es bedeutet: Wir kennen dich besser als du selbst.

Dass das nicht stimmt, zeigt die Finanzkrise. Das Regime der Algorithmen führte geradewegs ins Chaos, weil die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine nicht funktionierte. Die Datenathleten hatten nicht erkannt, wo der Riss zwischen realer und modellierter Welt verlief – und hatten zu wenig Selbstmisstrauen, um sich und diese künstliche Welt in Frage zu stellen.

Die Diktatur der Daten und Algorithmen hat die Beziehung von Kunde und Bank grundlegend verändert: Man ist sich fremd geworden, weil die Verzahnung von Mensch und Maschine bisher nicht geglückt ist. Das ist das Manko der Digitalisierung. Viele Kunden haben seit Jahren keine Filiale mehr betreten und umgekehrt sind die realen Kunden den Banken egal geworden. Ihnen reicht das Double fürs Geschäft. So gesehen ist nicht nur die Finanzwelt unsichtbar, aus Perspektive der Banken sind es auch die Kunden.

Die Banken sind die Facedowner der Wirtschaft geworden, sie müssten dringend mal aufschauen. Nicht nur, um zu sehen, wie es in der Welt aussieht und was sie braucht. Sondern auch, um ihr zu zeigen, was sie da überhaupt machen auf ihren Bildschirmen. Die Institute sagen, die Digitalisierung bringe Mobilität und Einfachheit. Aber reicht das, um Vertrauen zu schaffen? Steckt hinter den neuen Geschäftsmodellen nicht das alte Kalkül: Der Kunde ist dazu da, um ihn zu übertölpeln?

Bank steckt in jedem von uns

Andere stehen schon parat, das Geschäft zu übernehmen: Crowdfunder, soziale Netzwerke, Unternehmen, Kleinbanken, Privatleute. Sie können mit den Mitteln des Internets das Bankwesen womöglich demokratischer gestalten und damit transparenter und sympathischer.

Es ist der Versuch, verlorengegangene Kontrolle zurückzuerobern; das Geldgeschäft zu reduzieren und wieder verstehen zu lernen. Manche träumen auch davon, dass das Prinzip Raiffeisen – die Idee, Projekte gemeinsam anzugehen und nicht nur zu raffen, was man bekommen kann – eine Renaissance erleben könnte. Social Banking dann doch einmal als soziales Banking?

Doch die Denke der Bank steckt eben in jedem: Wer Geld gibt, möchte möglichst viel dafür haben. So läuft das Geschäft. Der ständige Abgleich von Aufwand und Ertrag, der in materiellen Dingen so unabwendbar stattfindet wie in immateriellen, macht auch den zum Renditejäger, der statt Zins das Versprechen über Wohlverhalten erwartet. Somit erweist sich der gutmütige Glaube an das neue digitale Zeitalter auch auf Kundenseite als naiv.

Die Digitalisierung ist eben beides zugleich: phantastisch – und schrecklich. Sie macht Menschen weder besser noch schlechter, zeigt aber überdeutlich, was in uns steckt. Sie „reflektiert unsere Menschlichkeit“, um noch einmal auf Bauman und Lyon zurückzukommen.

Zu diesem menschlichen Verhalten gehört die ständige Suche nach Effizienz. Und besonders effizient fühlen sich eben jene, die wie die Leute in der Finanzwelt alles beherrschen, alles im Blick haben möchten – aber selbst nicht gesehen werden wollen. Unsichtbar eben.

Und die Überwachten? Die Digitalisierung legt deren innere Widersprüche genauso bloß: Sie wollen tun was sie möchten und dabei unbehelligt bleiben. Gleichzeitig drängen sie nach Aufmerksamkeit und Teilhabe. Darum sind viele es längst gewohnt, im Netz Privates lustvoll öffentlich zu machen.

Nur: In der Wirtschaftswelt tun sie das, ohne zu wissen, wo und wie das geschieht. Im Dienst des Geschäfts wird die Öffnung der letzten privaten Winkel verlangt. Kredit oder zumindest bessere Konditionen nur gegen den Zugang zum Facebook-Profil, heißt es dann. Der Zugewinn an Nutzen, Spaß und Kontrolle an der einen Stelle wird also anderswo mit dem totalen Kontrollverlust bezahlt.

Was soll man denn nun eigentlich mehr fürchten: den ungewollten Schwund des Privaten – oder am Ende so unsichtbar zu sein, dass man nicht mehr gesehen wird? In der neuen digitalen Welt habe ich keine Wahl mehr, denn erst Tranzparenz macht mich maschinenlesbar.

Die Folge ist ein Zwang zur Öffnung und Wohlverhalten, der alles bisher Dagewesene in Schatten stellt. Die Welt, die scheinbar immer freundlicher, zugänglicher und sanfter wird, fordert die totale Anpassung. Nicht von oben herab, sondern ganz subtil von innen heraus. Totalitäre Kontrolle wird durch permanente Selbstkontrolle ersetzt.

Sind diese Worte zu schlecht gelaunt? Wo doch die Digitalisierung das Dasein der meisten Menschen auch so viel einfacher und – ja – zuweilen heiterer macht?

Aber Entwicklungen wie diese, die das Leben einer Gesellschaft derart radikal verändern, sind eben nie nur gut, sondern zutiefst ambivalent. Was in dem einen Moment wie eine Lösung aussieht, trägt die nächsten Probleme bereits in sich.

In diesem System ist jeder Einzelne nur noch Statistik – und genauso wird er auch behandelt. Mal kann das vorteilhaft sein, mal verheerend. Darum ist es bitternötig, kompetente Einspruchsmöglichkeiten, Korrekturmechanismen und auch Widerstandsformen zu entwickeln, mit denen sich die Aussortierten verlorene Souveräntät über das eigenen Leben zurückerobern können.


ImageDieses Beitrag ist Teil einer gemeinsamen Reihe von VOCER und „Süddeutsche.de“ zum Thema Digitalisierung der Gesellschaft.

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