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Anette Novak: „Open Journalism kann viele Probleme lösen“

Bei ihrer früheren Zeitung führte sie schon früh Praktiken des offenen Journalismus ein, heute tourt sie als Vertreterin der Bewegung durch die Lande. Anette Novak im Interview über alte und neue Rollenbilder und was Open Journalism mit Geld verdienen zu tun hat.

Anette Novak ist CEO des Interactive Institute Swedish ICT und Innovationsberaterin für Verlage weltweit. Als Chefredakteurin der schwedischen Regionalzeitung „Norran“ setzte sie sich von 2009 bis 2012 für eine enge Einbindung der Leser und eine radikale Innovationskultur ein.


VOCER: Bei „Norran“ haben Sie von Ihren Redakteuren einen direkten und regelmäßigen Dialog mit den Lesern gefordert. Diese durften Themen mitbestimmen und haben teilweise direkt an Texten mitgewirkt. Dafür mussten Sie die Arbeitsabläufe in der Redaktion auf den Kopf stellen. Hat sich der Aufwand gelohnt?

Anette Novak: Das hängt davon ab, wen Sie fragen. Meiner Meinung nach hat sich die Anstrengung auf jeden Fall gelohnt. Wenn Sie die Journalisten fragen, werden Sie aber vielleicht eine andere Antwort bekommen. Unter Journalisten herrscht ein elitäres Selbstverständnis. Ein Selbstverständnis, das sich auch daraus nährte, dass die Redaktion ein geschlossenes Umfeld unter Gleichen bot.

Ihre Idee einer Partnerschaft auf Augenhöhe mit den Lesern muss ein Kulturschock gewesen sein.

Es war für die Redakteure tatsächlich sehr schwer, sich auf die Veränderungen einzulassen. Sie haben vor allem die Probleme gesehen: „Wir kommen mit unserer Arbeit ohnehin nicht hinterher und jetzt müssen wir uns auch noch mit den Lesern unterhalten.“ So ein Kulturwandel kostet seine Zeit.

Wie haben die Verlagsmanager den Kurswechsel bewertet?

Verlage deuten Erfolg immer als einen Pfeil, der nach oben zeigt. Abonnenten, Umsätze, Gewinne – all das sind Erfolgssfaktoren, die sich in Zahlen ausdrücken lassen – und diese Zahlen müssen größer werden. Bei Collaborative Journalism geht es aber nicht um Quantität, sondern um Qualität. Es ist eine Einladung an die Leser: Ihr könnt ein Teil dieser Zeitung sein. Das heißt natürlich nicht, dass die Leser das Angebot auch annehmen. In der Forschung zu dem Thema hat sich die 1-9-90-Aufteilung durchgesetzt. Das heißt 1 Prozent der Bevölkerung hat Spaß daran, neue Dinge umzusetzen und Prozesse aktiv mitzugestalten. 9 Prozent geben Rückmeldung in Form von Lob und Kritik. 90 Prozent jedoch lehnen sich am liebsten einfach zurück und sind mit ihrer Konsumentenrolle zufrieden.

Wie kann man Verlagsmanager dann für Liquid Journalism begeistern?

Obwohl nur zehn Prozent der Leser aktiv mitgestalten, fühlen sich 100 Prozent der Leser dazu eingeladen. Sie fühlen sich als Teil der Zeitung. Und nie war eine enge Bindung zwischen Verlag und Lesern wichtiger als heute. Denn diese enge Bindung heißt: Die Zeitung ist relevant für die Lebenswelt der Leser. Und wenn die Leser das Gefühl haben, die Zeitung erfüllt eine wichtige Funktion in ihrer Gemeinschaft, werden sie ihr mit einer viel höheren Wahrscheinlichkeit auch dann noch treu bleiben, wenn die Zeitung ein Bezahlmodell einführt.

Noch scheuen sich viele Verlage davor, Bezahlschranken einzuführen. Die Abhängigkeit von Werbung ist zu groß.

Der Open-Innovation-Ansatz lässt sich auch auf Werbekunden anwenden. Die Stampen-Verlagsgruppe hat hier ein sehr spannendes Experiment unternommen. Sie teilt sich das Risiko mit ihren Werbekunden. Der Werbepreis bemisst sich am Erfolg der Kampagne. Läuft die Kampagne gut, profitieren beide, läuft die Kampagne schlecht, verlieren beide. Tatsächlich aber gewinnt Stampen in jedem Fall, denn jede Kampagne bindet die Kunden enger an den Verlag. Anstatt dem Kunden einfach den Werbeplatz zu verkaufen, verkauft Stampen ein gemeinsames Erlebnis.

Die „Huffington Post“ hat gezeigt, dass eine offene Plattform sowohl publizistisch als auch wirtschaftlich funktionieren kann. Die Autoren, die den Wert der Plattform geschaffen haben, wurden an dem Erfolg aber nicht beteiligt. Ist Open Journalism am Ende nur ein Mittel zur Kostenminimierung?

Wir müssen neue Wege der Erfolgsbeteiligung finden, um auch diejenigen in den Prozess zu integrieren, die es sich nicht leisten können oder wollen, umsonst zu arbeiten. Wer einen wertvollen Teil zum Produkt beiträgt, muss als Mitschöpfer respektiert werden. Ich denke, zukünftige Modelle werden Journalisten und Amateure als Partner begreifen. Journalisten sollten sich nur noch auf die wirklich komplizierten Aspekte des journalistischen Berufs konzentrieren: Wie bringe ich die Versatzstücke, die mir Leser zur Verfügung stellen und die ich im Netz finde, so in Verbindung, dass meine Leser einen Erkenntnisgewinn mitnehmen? Das ist der Kern der journalistischen Tätigkeit – alles andere kann und wird von Nicht-Journalisten übernommen werden – teilweise gegen Bezahlung, teilweise ohne.

Anette Novak

Anette Novak

Wie wird Open Journalism das Berufsbild von Journalisten verändern?

Es wird immer weniger bezahlte Journalisten geben. Redaktionen werden weiter ausgedünnt. Aber die verbliebenen Redakteure arbeiten bereits jetzt jenseits der Belastungsgrenze. Journalisten können nicht ständig mehr Arbeit mit weniger Mitteln leisten. Sie müssen sich stärker auf den Kern ihrer Arbeit fokussieren: Wie helfe ich meinen Lesern, qualifizierte Entscheidungen zu treffen? Das bedeutet: Alles, was automatisiert oder von der Crowd übernommen werden kann, sollte nicht länger von den wenig verbliebenen professionellen Journalisten übernommen werden. Journalisten brauchen Hilfe – das können wir ganz offen ansprechen. Open Journalism kann viele dieser Probleme lösen.

Was für eine Rolle wird Technologie bei diesen Veränderungsprozessen spielen?

Technologie wird die Einbindung von nutzergenerierten Inhalten erheblich vereinfachen. Unternehmen wie Citizenside oder Storyful arbeiten an Algorithmen, die automatisch Fotos auf Echtheit überprüft. Immer mehr Recherche- und Verifikationsschritte werden automatisiert werden – und das ist gut, denn es erlaubt den Journalisten, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren

Open Journalism ist also kein Ziel an sich, sondern Mittel zum Zweck. Journalisten sollen lernen, die Beiträge Fachfremder ernst zu nehmen, denn diese werden zunehmend zur Grundlage ihrer Arbeit. Richtig?

Absolut. Was wir heute sehen, sind kleine Schritte auf dem Weg zu einer neuen Form kollaborativer Zusammenarbeit zwischen Journalisten und Nicht-Journalisten. In der Zukunft stelle ich mir journalistische Texte wie Wikimedia-Artikel vor. Natürlich müssen wir transparent machen, woher Inhalte kommen, aber momentan bieten wir auch nur eine Schein-Objektivität. Wir verlassen uns auf Nachrichtenagenturen und Aussagen von Lobbyisten. Je mehr Nachrichten-Nutzer zu Nachrichten-Produzenten werden, desto mehr werden sie sehen, welche Fehler wir jeden Tag begehen. Sie werden sehen, wie einfach wir uns die Arbeit häufig machen. Spätestens dann ist unser Image als unfehlbarer Welterklärer zerstört. Also sollten wir lieber ganz offen mit den Umständen umgehen. Wir sollten ganz offen zugeben, dass dieser oder jene Text in fünf Minuten entstehen musste, weil noch drei andere dringende Dinge erledigt werden mussten. Die Leser verstehen das.


Reeperbahn Festival Conference 2013VOCER holt Anette Novak Ende September nach Hamburg: Als Referentin bei der Digitalkonferenz des Reeperbahn Festivals spricht sie über Journalismus, Medien und Verlage „On the citizen’s side“. VOCER ist offizieller Medienpartner des Reeperbahn Festival Campus und präsentiert mehrere Veranstaltungen.

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