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Andere sind anders

Kann man der Diskriminierung entgegenwirken, ohne selbst diskriminierend zu handeln? Oder zementiert man nicht die Stereotype, sobald man sie nennt?

Wer sich an der aktuellen Diskussion über Geschlechter und Hautfarben beteiligt oder wenigstens über sie nachdenkt, dem muss ich unbedingt den diesjährigen Gewinner des Deutschen Buchpreises empfehlen. Denn der Roman namens „Landgericht“ von Ursula Krechel handelt von Wiedergutmachung. Beziehungsweise: vom Verzweifeln an deren Unmöglichkeit. Der Anwalt Richard Kornitzer emigriert Ende der dreißiger Jahre aus Deutschland, da er um sein Leben fürchten muss. Seine Eltern sind jüdischen Glaubens, und seine Konversion zum Protestantismus bedeutet der rassistischen Ideologie der Nationalsozialisten nichts. Erst Hitler habe ihn zum Juden gemacht, stellt Kornitzer fest. Und die BRD führt diesen Rassismus gleichsam bruchlos fort.

Als der Jurist nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in sein Heimatland zurückkehrt, wird ihm die Teilnahme an einer Kammer, die über Entschädigungen entscheidet, verwehrt. Er sei schließlich selbst ein Opfer des „Dritten Reichs“ und also befangen. Der Gang durch die Instanzen, den Kornitzer aufnimmt, um noch für die verlustig gegangenen Ohrringe seiner Frau entschädigt zu werden, erinnert nicht zufällig an den Sühnefeldzug von Kleists Kohlhaas.

Die frei nach Krechel formulierte Frage „Kann man der Diskriminierung entgegenwirken, ohne selbst diskriminierend zu handeln?“ ist zweifellos eine der brisantesten der Gegenwart und findet deshalb nicht erst seit gestern Eingang in die öffentliche Debatte. In den USA sind mehrere Klagen anhängig, die gegen die sogenannte „affirmative action“, die absichtsvolle Bevorzugung von Benachteiligten, vorgehen wollen. Hierzu Stellung zu beziehen, entpuppt sich als ähnlich vertrackt wie in der Diskussion über die Frauenquote, die ebenfalls mit einer biologischen Differenz argumentiert, um deren soziale Nivellierung zu erreichen.

In der vergangenen Woche ertönten schließlich vielerorts die Abschieds-Sinfonien auf den „weißen Mann“. „Weißer Mann, was nun?“, fragte „Spiegel Online“ angesichts des Rücktritts des CIA-Chefs David Petraeus und der Wahlniederlage von Mitt Romney. Einen Tag später folgte „Die Zeit“ mit dem Titel „Das Ende des weißen Mannes“. Beide Artikel betreiben genau jenen Essentialismus, den sie zu verabschieden vorgeben: Sie definieren „den weißen Mann“ als Zentrum und alle Anderen als Andere. Natürlich muss, wer die Dekonstruktion von Kategorisierungen im Visier hat, die Differenzen auch beim Namen nennen (dürfen) – andernfalls kommen oft unlesbare Texte heraus, die mit Triggern und Sternchen die Sprache als gefährliches Instrument ausweisen und darüber fast vergessen, was sie eigentlich sagen wollten. Aber die Bezeichnung der Unterschiede allein genügt beileibe nicht, sondern hat womöglich gerade den gegenteiligen Effekt: Armer weißer Mann…

Vielleicht würde es helfen, „den weißen“ wie „den schwarzen Mann“ nicht mehr gar so biologistisch, sondern etwas öfter als soziale Verkleidung zu denken, die Männern jeglicher Hautfarbe (und manchmal auch Frauen) nicht zuletzt von Medien übergestülpt wird. Dass diese unfreiwillige Kostümierung nicht mehr so gut sitzt wie einst, sondern ungefähr so deplatziert wirkt wie ein Smoking auf einer Pyjama-Party, demonstrieren die Illustrationen der Debatte ja ganz eindrücklich. Das „Zeit“-Titelblatt zeigt den an einen Marterpfahl gefesselten Terence Hill und zieht damit Parallelen zur „Eroberung“ der USA durch europäische Siedler – als ob man ernsthaft (und zugleich mit einem Augenzwinkern!) behaupten wollte, dass „dem weißen Mann“ eine ähnliche brutale Ausrottung wie den amerikanischen Ureinwohnern drohte. Auf dem „Spiegel-Cover dieser Woche wiederum salutiert ein uniformierter David Petraeus vor der amerikanischen Flagge, während ein nur mit einem roten Pump bekleidetes Frauenbein versucht, ihm ganz buchstäblich den Kopf zu verdrehen. Ein Bild, das bestens auch zum Kinoplakat einer Militärklamotte aus den achtziger Jahren taugte.

Dass gerade die Formate, die am erfolgreichsten um die Wirklichkeit buhlen – neben Zeitungen und Werbung muss man hier auch die diversen „Reality“-Formate nennen –, oft die konservativsten Vorbilder servieren, könnte man allerdings auch positiv, nämlich als peinlichen Abschiedsschmerz verstehen. In ihrer Einfalls-, ja Sprachlosigkeit erinnern sie jedenfalls arg an jenen Mitt Romney, der einfach nicht wahrhaben wollte, dass er den Kampf um die Definitionshoheit über Männlichkeit verloren hat.

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